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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 389

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
Date
1918-01-01
Page
389 (sequence 7)
Language
German
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Das europäische Erziehtingsvorbild und die jüdische Gegenwart 389 Talent, wenig Neigung, sogar ein beträchtliches Maß von Abneigung zu Kindern nnd insbesondere zu ihren eigenen zeigt, und je nach den Traditionen der Familie und dem Vermögensstande die Rangen auf die Straße treibt, der Bonne übergibt oder eigenhändig prügelnd und scheltend groß zieht Je höher man den Wert der Familienerziehung einschätzt, um so mehr muß man diese Tatsache beachten, daß im Grunde ein verhältnismäßig sehr kleiner Teil der Jugend in Familien lebt, die als Erziehungsinstitutionen überhaupt in Frage kämen. Dazu ist zu beachten, wie noch eine weitere, sehr wesentliche Einschränkung in bezug auf das Alter der in Familien Erzogenen das Gesagte verschärft. Denn nur in den Kreisen, aus denen die Schüler der höheren Schulen kommen, ist die Jugend nicht erwerbstätig. Bei allen anderen könnte höchstens von Erziehung des Kindes gesprochen werden. Eben in den entscheidendsten Jahren für jede tiefere Bildung verlassen die Knaben zugleich mit der Schule die Familie, um Ktäften ausgeliefert zu sein, die kaum jemand in vollem Ernste erzieherische nennen möchte. Und mehr noch. Von Deutschland und Österreich etwa abgesehen, lebt der größte Teil der mittleren Schuljugend nicht in der-Familie, sondern in Internaten verschiedener Art Ist auch so in wahrem Sinne des Wortes Europa unerzogen — denn in der Familie, der einzigen, wenigstens so behaupteten Erziehungsinstitution, leben nur geringe Gruppen — so sind doch die Einflüsse der Familie überaus wichtige; und ganz eigentlich im seelischen Typus des Bürgertums wurzelnd. Als wirtschaftlicher Organismus ist die Familie auf Erwerb gerichtet; als gemütlicher Organismus alternder Menschen auf Ruhe und Problemfreiheit; als soziale Institution auf Ansehen und Moralität Eine geistige Richtung kommt der Familie als solcher nicht zu; sie kann sich aus der Art der Eltern ergeben, sie kann auch fehlen. Wo sie vorhanden ist, findet man sie gewöhnlich in der Sphäre der vulgären Religion, des Patriotismus, der Parteipolitik oder der Standestradition. Notwendigerweise von der Art und Kraft der Eltern bestimmt, kann es nicht wundern, wenn sie der durchschnittlichen Familie so gründlich fehlt wie dem durchschnittlichen Menschen, oder so verwässert, unklar, widersprechend und wehleidig ist wie bei diesem. Die erziehende Wirkung der Familie ist in erster Linie abhängig von jenen seelischen Imponderabilien, die man als gute oder schlechte Ehe zu schematisieren pflegt. Die gute Ehe erweckt oft in den Kindern die tiefe Sehnsucht nach einer ebensolchen Ehe und Familie. Im einfachen Falle demnach — wer weiß, wie selten er ist, bei der heillosen Verlogenheit der Zeit, in diesem ihrem verlogensten Punkte — wirkt die Familie sich selbst erhaltend, und das heißt, das Fundament der heutigen geistigen Ordnung: Erwerben; Problemfreiheit; Moralität und geistige Grundsatzlosigkeit gepaart mit milde ins Allgemeinere der Familiensolidarität verbogenem Egoismus. Die schlechte Ehe, vor den Augen der Kinder abgespielt oder nur mangelhaft verborgen, erzeugt einen Wirbel von Affekten, in dem rettungslos alle Lenkungsaiöglichkeit, alle bewußte Bewirkung und Erziehung verloren geht; tausend Erziehungsresultate, einheitlich nur in der Verwirrung, nur darin, daß Bildung in diesem Trubel ein Zufall der glücklichen Art, und demnach der seltenen ist, gewiß nicht beabsichtigt, noch sicherer unvorhersehbar, unlenkbar. Daß die Familie nötig wäre für das Leben der Kinder und der Jugend und wieweit sie schlechterdings unersetzlich ist, davon ist an dieser Stelle nicht zu sprechen; hier war nur zu zeigen, in welchem Sinne sie eine Erziehungsinsti-

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