Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 388 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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388 Siegfried Bernfeld: das tiefer auf die Jugend wirkt, diese systematischer zu dem macht, was die alte Generation ist; wäre nicht die Wirkung der „Welt" auf den Erwachsenden, auf den Neuling im Beruf und Wirtschaftleben. Freilich, das bleibt der Erfolg der Schule, der allgemeinen und der höheren, daß sie der Jugend ihre natürlichen Waffen gegen Ungeist in Welt und Leben genommen und ihs keine anderen gegeben hat, sie vielmehr umgekehrt ausschließlich die Handhabung solcher gelehrt hat, die zu bekämpfen oder abzuwehren ihr innerlich Beruf sein sollte. Mit einer Bescheidenheit, die ihr erst in jahrzehntelangen Kämpfen abgerungen werden mußte, und die noch immer Unbescheidenheit im Positiven der Behauptung ist, wenn man sie an der Realität mißt, erklärt die Schule, daß die Erziehung nicht ihr Amt sei, sondern einzig der Unterricht, oder daß nur soweit Erziehung ihre Angelegenheit sein könne, als ihr Unterricht an sich erziehend wirke. Die Erziehung bleibt einer eigenen Institution vorbehalten. Und hier herrscht eine merkwürdige Paradoxie, die dem Unbeteiligten vergnüglich wäre. Wer aber ist unbeteiligt, wer darf es sein und bleiben, wo von Erziehung die Rede ist? Gar in einer Welt, die" sich so schlecht und dumm von Grund auf fühlt, daß sie zu einer sentimentalen und resentimentalen Vergötterung der Pädagogik gelangte, von der bessere und klügere Welten sprechen werden, als von einer Psychose des achtzehnten bis zwanzigsten Jahrhunderts. Der Unterricht, die sekundäre Funktion wird ausgeübt in systematischen, durchdachten, mächtigen Institutionen; kein Zweifel ist übrig gelassen, daß sie ihm dienen. Über das Wie wird eifrig — und wäre es auch falsch — gedacht, geprobt. Die Erziehung, die primäre Funktion, nach der heutigen Bewertung beinahe die Funktion hat kein eigenes, zugehauenes Heim; kaum jemand denkt darüber; niemand probt. Der Unterricht, staatlich geschützt, nimmt Kraft und Zeit der Jugend in einem Maße in Anspruch, daß der Staat sich genötigt sieht, auch die Jugend in Schutz zu nehmen gegen seinen Schützling.' Nur die unterrichtsfreie Zeit aber wird dem Wichtigsten gewidmet. Wieviel Zeit, welche, wie gestörte, bliebe der Erziehungsinstitution, wenn es sie gäbe? Welch ein Horoskop wäre diesefrr unerzogenen Generation zu stellen, wenn sie das Wichtige des Volkes wäre? Da es eine öffentliche Institution für die eigentliche Erziehung nicht gibt, vermag die Familie mit Recht zu behaupten, in ihr vollziehe sich die außerunterrichtliche Bildung des Kindes und der Jugend. In der Tat, wenn überhaupt, dann in ihr. Aber wie weit reichen-ihre Möglichkeiten, was leistet die empirische heutige Familie? Zunächst täuscht man gerne und läßt sich gerne täuschen über den Umfang der Existenz von Familien; denn mindestens in jenen Bevölkerungsschichten kann von erziehendem Familienleben nicht gesprochen werden, bei denen die Frau genau so wie der Mann tagüber fern vom sogenannten Heim ist, weil sie der Arbeit nachgeht, und kaum ein anderes Beisammensein der Familienmitglieder bekannt ist, als zuweilen beim Abendbrot und Schlafen, zusammen mit allerhand Mietern und Bettgehern im gemeinsamen, einzigen Räume. Und das ist das "Schicksal eines sehr beträchtlichen Teils der europäischen Menschheit. Aber auch dort wird nicht leicht von erziehenden Funktionen gesprochen werden können, wo die Tätigkeit der Mutter sich darauf beschränken muß, in abgesparten Minuten und Stunden einen Haufen von Kindern in erträglicher Reinlichkeit und soweit in Zucht zu halten, daß sie das Zimmer zumindest nicht völlig unbewohnbar machen. Die Fälle sind auch nicht zu zählen, wo die Mutter, allen Behauptungen von angeborenem Erzieherberufe der Frau entgegen, wenig