Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 387

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
Date
1918-01-01
Page
387 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101146-3103703--2760-3103770
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart 387 Willkür, Zwang und tiefster Unzulänglichkeit. Und die „höhere" Bildung kaum etwas anderes als eine größere Summe von Kenntnissen; das klassische Altertum, Mathematik, Physik und Geometrie nicht als bildende, sondern als exotische oder doch exklusivierende Elemente. Aber in einem unterscheidet sich diese Schule, und vor allem der Typus des deutschen humanistischen Gymnasiums, der in unserer Zeit den Neid Englands, Amerikas und Frankreichs erweckt hat und so im Begriff ist, europäischer Typus zu werden, von der allgemeinen Schule: durch den klaffenden Widerspruch zwischen Ideologie und Realität. Während die Lehrpläne eine reine Kulturgesinnung einleitet, während sie das Institut verteidigt und ihm eine Weihe gibt, die hundert lügenhafte und elend unzugängliche Jahre nicht ganz zu zerstören vermochten, sind die Lehrpläne und ist die ganze Institution völlig frei von allem, was nur entfernt an Erziehung zu einer Kultur, an Bildung erinnern könnte. Man übertreibt nicht selbst bei der schärfsten Formulierung, wenn man feststellt, daß im ganzen Umkreis des Gymnasiums und der höheren Schule überhaupt Kultur und Bildung keine andere Stätte haben, als in unverbindlichen Vorworten und Schulreden — und hier nur als Worte, bestenfalls als Wünsche. Trotz Humboldt und trotz Homer, Plato und Horaz, die höhere Schule hat keine Kultur und Bildungsfunktion. Ihre Aufgabe ist, durch einen Anschein dessen Klassen zu .trennen; durch Privilegien, die anmutiger an Bildungsgrade als an ökonomisch-gesellschaftliche Tatsachen geknüpft werden können, gewisse Einflußsphären zu sichern; durch falsche Geschichtsdarstellung, durch ästhetisierende Gewohnheiten, im Deutsch-, Literatur-, Geschichts- und Grammatikunterricht in der Jugend eine gewisse nebulose Kultur- und Bildungsseligkeit zu erzeugen, die den Bestand des Bestehenden sichert; und endlich — am klarsten — fachliche Ausbildung für die Hochschule zu bieten. Zerstört die allgemeine Schule ganz allgemein das Organ für wahrhafte Bildung, so baut die höhere Schule auf diesem Boden ihr Weltanschauungsgebäude auf. Sie lehrt die Achtung vor dem Gewordenen als dem Bestehenden, bewundernden Respekt vor der bürgerlichen Bildung, Überschätzung von sogenannter Kunst und Wissenschaft, das Ideal vom Beamtenhelden; sie beruhigt Intellekt und Gefühl bei halbem und Viertelwissen, sie pflanzt die Liebe zum Problemlosen, Ziemlichen, Verständlichen, Rationalen und sie paralysiert den Aufruhr der Leidenschaften durch Pflege des Idyllischen, Sentimentalen, Literarischen, sie züchtet Mittelbarkeit im Denken, Fühlen und Verkehren, sie schützt die Mittelmäßigkeit in allen Belangen, sie mildert alles Strenge durch Liberalität, alle Größe durch Moralität, alle Hingabe durch Grammatik. Vielmehr, das ist ihr Ziel; weil die mittlere Schule ganz ausschließlich vertritt, was für die anderen Typen auch gilt, daß ihr Fundament die Weltanschauung des bürgerlichen Menschen ist, ihr Ziel, ihn zu erhalten. So schwach aber ist ihre Methode, daß sie keineswegs dieses Ziel völlig zu erreichen vermag. Später sollen die Mittel erwähnt werden, deren sich wenigstens einige Typen von Jugend zu bedienen erlernt haben, um sich der Zielsetzung der Schule zü entziehen. Bei der Jugend, soweit sie keinerlei Maßnahmen erfindet, unverdrückt zu bleiben in ihrem Wesentlichen, gelingt ein gut Stück Erziehungsarbeit der höheren Schule in ihrem Sinne. Man darf aber vermuten, daß dennoch nicht sie es ist, die den bürgerlichen Typus erhielt. Wenn sie auch Bereitschaft in die Seele der Jugend pflanzt, es würde doch gar vieles abgeschüttelt an der Schwelle der Erwachsenheit, wäre nicht das ganze Chaos der außerschulmäßigen Erziehung,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.