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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 386

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
Date
1918-01-01
Page
386 (sequence 4)
Language
German
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386 Siegfried Bernfeld: selbstgewiß gegenüber wie die heutige Europas. Die Menschen aller Völker und Zeiten, aus ihrer damaligen Bedingtheit herausgelöst, sind entdeckt, Kenntnisse von ihnen, ihre Werke, ihr Leben zugänglich. Kunst ist allgemeinern Schauen erschlossen, Wissenschaft zu tausenden Ergebnissen gelangt, dem Abgesondertsten und Primitivsten verständlich, selbstverständlich beinahe. Dazu kommt, daß das Wort und die Forderung „Bildung" jeden umschwirrt, daß Kunst, Philosophie, Kultur und Wissenschaft in höchster Wertung stehen — einerlei, was man darunter begreift. Die Zeit ist keineswegs bildungsfeindlich, eher der Bildung sehr geneigt; nur daß sie in ihrer Liebe irre und flache Wege geht. So kommt es, daß Bildung und Werte nicht notwendigerweise jedem verschlossen sind, der nicht die höhere Schule besuchte. So kommt es, daß wir zahlreiche Einzelne in richtigem Bemühen, einige beim endlichen Anlangen sehen. Aber — unheilvolle Verwirrung der Situation — diese Möglichkeiten der Bildung an sich sind zugleich solche der grauenhaftesten Unbildung. Hier entscheidet das Organ in jedem Einzelnen, ob sie zum Heil, ob sie zum Unheil lebendig und verwirklicht werden. Dies Organ für Bildung freilich, auf das hier alles ankommt, auf dessen Bestand oder Nichtbestand die ganze Frage sich verengt, vernichtet die allgemeine Schule so gründlich wie allgemein durch ihr Ideal und ihre Methode. Es ist beinahe wahr: je wirksamer sie bei einem war, um so ferner ist das Bildungsergebnis von unserem Begriffe der Bildung. Der Typu§ des minder gebildeten Durchschnittlichen ist so wenig wesentlich, in seinem Unwesentlichen aber so mannigfaltig widerspruchsvoll, daß ihn darzustellen kaum gelingen kann. Einheitlich ist er nur in einem Negativen: im Geistigen gebrochen, unentwickelt oder verdrückt; und in einem Positiven: auf Wohlbehagen, Vergnügen, Erwerb und Geltung innerlichst eingestellt. Abstoßend und widerlich dem Bürger einer Wertewelt, wäre nicht eine große rührende Tragik in dem Widerspruch zwischen den ewigen Forderungen, die irgendwie aus jedem Menschenantlitz leuchten, und dem erzielten geistigen Zustand, der es zur Grimasse verdreht. So sind die Menschen der niedrigeren Bildung — die eben deshalb keine Bürger sind — nur noch nicht Bürger. Wenn sie selbst Revolutionäre sind und sich als Antibürger gebärden — was sie wurden, sind sie durch Einrichtungen des Bürgertums, und ihr geheimes Ideal ist kein anderes, als selbst .Bestimmende und Unterdrückende zu werden; sie möchten gebildet sein und nicht sich bilden. Hinter ihren radikalsten Forderungen steht nicht die Ablehnung der bürgerlichen Bildung, sondern der Wille, sie, gerade sie, zur allgemeinen zu machen; sie bekämpfen die gesetzmäßige oder gesellschaftliche Einschränkung ihrer Klasse auf die niedrigere Bildung, nicht aber jene sogenannte höhere selbst Die höhere Schule ist zwar nicht ganz im strengsten ökonomischen Sinn der Worte einer Klasse vorbehalten, aber sie macht aus ihren Schülern eine geistige Klasse, die sich in dieser Beziehung einwandfrei die bürgerliche nennen läßt. Und das ist sogar die einzig wirkliche Funktion dieser Schule. Eine Analyse ihres Bildungsvorganges ist überflüssig; er unterscheidet sich in keinem wesentlichen Punkte von dem der allgemeinen Schule. Auch hier eine mechanische Auffassung des Lernens und Bildens; hier noch mehr der Beamte als Vermittler von Kultur und Geist; und auch hier zwar die Eröffnung vieler Bildungsmöglichkeiten im einzelnen, aber die Vernichtung des Bildungsorganes im ganzen; auch hier kein großes Ziel; keine reinen, mutig und konsequent gehandhabten Mittel, sondern allerhand pädagogische Mittelchen und Tricks, kunterbunt gemischt mit

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