Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 385 (sequence 3)
- Language
- German
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Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart 385 bilden, nicht zur höheren, sondern zu einer höheren. Diesen verborgenen Verrat an ihrer eigenen Idee aufgedeckt, bleibt uns im vollsten Sinne übrig: Soweit die Schule allgemein ist, hat sie zum Ziel eine niedrige Bildung, also überhaupt nicht Bildung, sondern bestenfalls technische Möglichkeit zu ihr, die aber zugleich auch die technische Möglichkeit zur letztlichen Un- und Widerbildung in sich schließt. Wo sie ja höhere Ziele als allgemeine verfolgt, dort ist solche Zielsetzung selbst entweder Betrug oder Unklarheit, dort sind die Mittel unzulänglich — die äußeren wie die inneren — zu wahrer Erfaßtheit, Jugend zu begeistern, und das erst wäre Bildungsvoraussetzung; dort ergreift sie endlich Jugend eines Alters, dem Bildungsbemühungen noch fremd sein müssen, einer Art, der alles Geistige bereits verächtlich erscheint. Tatsache ist aber, daß die europäische Erziehung in einem bestimmten Sinn durch diese Einrichtung allgemeine Bildung erzeugt hat. Bildung, was sie unter Bildung gerade versteht — wir werden richtiger sagen: etwas ist durch die Schule allgemein verbreitet worden. Wir haben uns zu fragen, wie weit dieses Etwas Bildung ist, wie wir sie verstehen, und wie weit sie allgemein die Werte umfassend und allgemein den Menschen erfassend sich erweist. Ob Bildung in einem bestimmten Fall stattfindet oder ein unwesentlicher Vorgang, für den es ein ehrliches Wort nicht einmal gibt, erkennen wir am Prozeß selbst und an seinem Erfolg. Wo im ganzen Umkreis der allgemeinen europäischen Schule wird Erziehen zum Erschaffen des Menschen „nach seinem Bild"? Wo sind es nicht bestenfalls zahllose Bildchen von Menschen, Bürgern, Staatswesen, Beamten, Kindern, die die Welt des Erziehens anmutig bevölkern? Und wenn ja in einem europäischen Kulturkreis eines wahrhaft herrschend und lebendig ist, wo ist es Gottes Ebenbild, streng und abgründig, tiefst gefährlich und erschütternd? Wo ist es anderes als der empirische Mensch, nicht gütig hingenommen als tausendfach bedingter Abglanz oder Möglichkeit eines Höheren, sondern fordernd aufgestellt als unbedingtes Letztes, als Ziel und Ideal? In solch wertefreier Öde wächst auch kein Mut zum Erschaffen. Man bescheidet sich zu verbessern, zu entwickeln, zu lehren, zu unterrichten. Fände eine Generation den Mut, in den Kindern nach ihren Bildchen Menschen zu erschaffen, es würde ihr zum Hochmut und sie verelendete vollends an ihm. Denn so weit vom Begriffe der Bildung steht dieses Bildungswesen ab, daß es nicht fühlt, wie Bildunggöttliche Sache ist, Schöpfung, die Gott in mir selbst vornimmt — um beim Symbol zu bleiben — und kein bestellter Mann mit redlichstem Bemühen. Und doch spukt irgendwo in einem Winkel die Ahnung des Wahren: sie erzeugt die Neigung, den bestellten Lehrer mit einem Schimmer des Göttlichen zu versehen, wie sie es eben versteht, mit tyrannischer, eingreifender Macht, und sie erzeugt außergewöhnliche Achtsamkeit vor einer Jugend, der es beifallen könnte, das Bild zu entdecken, und mit ihm Mut und Kraft unbedingt sich herzuschaffen, sich zu bilden. Das Bildungsergebnis folgt nicht schlechthin aus dem Bildungsvorgang. Denn weder ist die Schule der einzige Faktor, noch überhaupt von letzter Bedeutung, zweitens aber erzeugt die Schule und verbreitet sie ganz allgemein beträchtliche Bildungsmöglichkeiten. Lesen und Schreiben, woran hier an erster Stelle gedacht werden mag, sind dabei nicht einmal so ausschlaggebend, trotz ihrer Wichtigkeit, denn durch sie gehen andere Möglichkeiten — Hören und Reden — ganz eigentlich allgemein verloren. Aber vielleicht keine Zeit war ihrer eigenen Vergangenheit bis in die fernsten Fernen so nahe, stand ihrer fernsten Zukunft so