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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 384

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Das europäische Erziehungsvorbild und die jüdische Gegenwart
Date
1918-01-01
Page
384 (sequence 2)
Language
German
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3^4 Siegfried Bernfeld: Ganzen der staatlichen, gesellschaftlichen, kulturellen, moralischen und gefühlsmäßigen Gegebenheiten, dann wird uns in deutlicher Klarheit das Bild einer europäischen Jugend, einer europäischen Erziehung erscheinen. Wir werden befähigt, es in seinen gemeinsamen Charakteren zu erfassen, in den Gruridzügen, die, vielfach verkehrt und durchbrochen, dennoch das einheitliche Fundament aller europäischen Erziehung sind. Dazu ist nötig, es in den Schatten eines idealen Erziehungswesens zu stellen, damit seine eigenen Lichtchen und Schatten nicht verwirren. Das Fundament der europäischen Erziehung ist das europäische Bürgertum, als soziale Klasse und ebenso als kultureller und psychischer Typus. Sie ist bestimmt aus dessen Bedürfnissen und Möglichkeiten und reicht beinahe nur so weit wie es selbst Das gilt zunächst für die äußeren Formen der Erziehung, für die Organisation des eigentlichen Erziehungswesens. Nur ein Teil der Jugend des ganzen Volkes ist von jenea Einrichtungen und Kräften erfaßt, die als allgemein notwendige und allgemein segensreiche zu preisen der Europäer nicht müde wird. Die Schule ist nur für eine Gruppe des Volkes in ihrer Gänze zugänglich. Sie wurde in eine untere, mittlere und höhere Stufe gespalten und die untere dem Volk geöffnet, die mittlere und Hochschule einer seiner Klassen vorbehalten. Daran ändert sich nichts, wenn mancherorts nicht wenige Einzelne aus nichtbürgerlichen Kreisen teilnehmen an der mittleren Schulstufe; denn sie werden durch diese Teilnahme ins Bürgertum gehoben oder streben es mindestens an. Erst waren die Hochschulen, dann wurden die mittleren, zuletzt die unteren geschaffen. Scheinbar der Ausdruck für eine Tendenz, Schulung und Bildung ihrer Ausschließlichkeit zu berauben und sie in der Nation wirkend zu machen. Aber der wahre Geist der europäischen Schulengeschichte offenbart sich anders: als wohldurchdachtes Bemühen, Grenzen, Rechte, Auslesen zu schaffen, Domänen der Selbstgenügsamkeit und der Klassensicherheit. Denn tatsächlich, was ist das Resultat von Schulpflicht, allgemeiner Schule und durchgreifenden Institutionen? Die ländliche, vor allem die bäuerliche Jugend ist der Einwirkung von Schulen bis knapp an die Grenze der Kindheit ausgesetzt und wird, kaum über die Schwelle der Pubertät getreten, eben erst erziehungsbedürftig und eigentlich lernfähig geworden, aus deren Kreis genommen. Die Jugend der ländlichen Arbeiterschaft, des gewerblichen und Handelskleinbürgertums kann als ein bis zwei Jahre länger schulenden Kräften ausgesetzt gedacht werden, aber in den Jahren von 13 oder 15, je nach dem, bis 21, Jahren entscheidender Wichtigkeit, ist sie der härteren und, wie man sich auszudrücken pflegt, der besseren Schule des Lebens gewidmet. Einzig die Jugend des Beamtentums und des eigentlichen Bürgertums ist in ihrer Gänze bis an die Grenze der Erwachsenheit eingestellt in einen mit Absicht erzieherisch gebauten Apparat. Man empfindet dies allgemein als Mangel und mancherlei Einrichtungen dienen seiner Behebung (Fortbildungs-, Abend-, Sonntagsschulen). Aber gerade sie bestärken die Unterscheidung in eine niedrigere Bildung, die allgemein verbreitet, und in eine höhere, die dem Bürgertum vorbehalten sei. Die höhere Schule, überall zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mit der einzigen Absicht geschaffen, Privilegien zu erteilen, hat anfangs doch so etwas wie Gefühl in ihren Mauern eingeschlossen, davon, daß höhere Bildung ein einheitliches, großes und tiefes Sichbilden an einem großen Beispiel bedeutet, und sie hat sich himmelweit unterschieden in ihrer ganzen Kulturgesinnung von jenen Anstalten, die durch etliche Kenntnisse, Strafen und Mahnungen von der niederen Bildung fort-

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