Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die Auslese des Menschenmaterials für Palästina
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 376 (sequence 4)
- Language
- German
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37^ Arthur Ruppin: werden. Es ist die Frage, wie man sich dieser Gefahr gegenüber verhalten soll. Soll man, wie früher, jeden Einwanderer willkommen heißen und darauf vertrauen, daß die guten Elemente doch in der Mehrheit bleiben und die schlechten ausstoßen werden? Soll, wie früher, in jedem Einwanderer, ohne Ausnahme, ein erwünschter Zuwachs gesehen werden? Oder soll man mehr auf die Qualität als auf die Quantität der Einwanderung achten und sollen wir uns von vornherein bemühen, daß nur solche Einwanderer nach Palästina kommen, die für das jüdische Gemeinwesen nach Beruf, Gesundheit und Charakter erwünscht sind? Ich glaube, daß die Politik des „laisser aller", die wir bisher in der Einwanderungsfrage betrieben haben, in Zukunft verlassen und durch eine zielbewußte Einwanderungspolitik ersetzt werden muß. Als das Ziel dieser Einwanderungspolitik muß gelten, den Prozentsatz der nach Beruf, Gesundheit und Charakter für das jüdische Gemeinwesen in Palästina geeigneten Elemente auf ein Maximum und den Prozentsatz der ungeeigneten Elemente auf ein Minimum zu bringen. 2. Berufliche Auslese. Beginnen wir mit dem Beruf. Erwünscht sind alle diejenigen, die einen Beruf haben, von dessen Ausübung sie in Palästina leben können, ohne der Armenpflege zur Last zu fallen und ohne durch ihre Konkurrenz den in Palästina bereits tätigen Berufsgenossen zu untergraben*). Palästina ist ein vorwiegend landwirtschaftliches Land. Auch das jüdische Gemeinwesen bedarf zu seiner Konsolidierung und Verankerung in erster Linie einer landwirtschaftlichen Bevölkerung. In zweiter Linie sind Handwerker und Industrielle, erst in letzter Linie Kaufleute und Angehörige der freien Berufe (Lehrer, Ärzte usw.) nötig. Will man Zahlen haben, so kann man sagen, daß die Einwanderung die wünschenswerte Zusammensetzung hat, wenn mindestens So°/0 der Einwanderer der Landwirtschaft, mindestens 30°/Odem Handwerk und der Industrie, höchstens io°/0 dem Handel und höchstens io°/0 den freien Berufen und den Rentiers angehören. Nun ist aber die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa, das für die Auswanderung hauptsächlich in Frage kommt, von dieser wünschenswerten Zusammensetzung der Einwanderer diametral verschieden, denn die Kaufleute und Angehörigen der freien Berufe bilden hier die große Mehrheit und die landwirtschaftlich Tätigen eine ganz kleine Minderheit. Man kann sich diese verschiedene Zusammensetzung am besten unter dem Bilde einer Pyramide veranschaulichen. In Osteuropa wird die breite Basis der Pyramide von den Kaufleuten gebildet, die schmälere Mitte der Pyramide nehmen Handwerker und Industrielle ein und an der ganz schmalen Spitze stehen die landwirtschaftlich Tätigen. Palästina braucht aber eine Pyramide, deren breite Basis von Landwirten eingenommen ist, während die Handwerker und Industriellen in der Mitte der Pyramide stehen und Kaufleute und Angehörige der freien Berufe nur die schmale Spitze einnehmen sollen. Ließe man der Einwanderung freien Lauf, so ist zu befürchten, daß entsprechend der Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa viel zu viel Kaufleute und Angehörige freier Berufe und viel zu wenig Landwirte kommen. Es ist deshalb eine Umschichtung der Bevölkerung für die Einwanderung nötig. Wie kann eine solche zustande kommen? Ich denke mir dies so, daß wir zunächst diejenigen Berufsangehörigen, die *) Ein Beispiel der letzten"Art war z. B. vor dem Kriege die viel zu starke Einwanderung von Ärzten und Zahnärzten, die den ganzen Beruf schwer schädigte.