Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die Auslese des Menschenmaterials für Palästina
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 375 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Auslese des Menschenmaterials für Palästina 375 seine Unproduktivität und das von ihm kultivierte Bettelwesen, konnten kraft dieser Isolierung auf den neuen Jischub nicht übergreifen. Der zweite Grund war, daß in dem neuen Jischub automatisch ein Ausleseprinzip wirksam war, das die schlechten Elemente ausstieß. Dieses Ausleseprinzip bestand darin, daß Palästina wirtschaftlich den jüdischen Einwanderern aus Osteuropa schlechtere Chancen bot, als die anderen großen Einwanderungsländer, wie England und Amerika. Diejenigen Elemente, die raschen Gelderwerb zum Ziele hatten, kamen deshalb entweder gar nicht nach Palästina oder verließen has Land wieder nach kurzem Aufenthalte. Es blieben in der Hauptsache nur diejenigen zurück, die für das ideale Moment, das Palästina als Siedlungsland den Juden bietet, Verständnis und Liebe hatten. Das ergab schon eine Auslese in der Richtung auf die idealistisch gesinnten und nicht dem Gotte Mammon in erster Linie dienstbaren Personen. Es kam hinzu, daß Palästina, ebenso wie es kein Land des leichten Geldverdienstes, so auch kein Land des Komforts und leichter Lebensführung war. Es fehlten alle Arten von Zerstreuungen und Vergnügungen. Das Leben brachte viele Entbehrungen mit sich, die auf die Dauer nur diejenigen ertragen konnten, welche nicht in materiellen Genüssen und weltlichen Zerstreuungen das Ziel des Lebens sahen. Hierdurch wurde bewirkt, daß in der Regel nur die ernsten Elemente unter den Einwanderern in Palästina verblieben und die übrigen wieder ausgestoßen wurden. Als direkter Grund kam noch hinzu, daß vor dem Krieg der neue Jischub an Zahl so gering war, daß jeder Einzelne sich in ihm nicht nur als eine Nummer, sondern als eine geistige Potenz, als ein wichtiges Glied der Allgemeinheit fühlte. Infolge des großen Interesses, das die Juden der ganzen Welt und ihre Presse an dem kleinen Häuflein Juden in Palästina nahmen, glaubte ein jeder, daß er im Brennspiegel des öffentlichen Interesses stehe und seine Handlungen von der Öffentlichkeit kontrolliert würden. In der Tat drang öffentliches Interesse und öffentliche Neugier tief in das berufliche und private Leben des Einzelnen ein. Das wirkte in der Richtung zu Pflichterfüllung und Gemeinsinn. So kam es, daß die Zusammensetzung des neuen Jischub in Palästina trotz allen Mangels an irgendeiner bewußten Auslese im allgemeinen doch befriedigend und in mancher Hinsicht sogar sehr gut war. Der Gemeinsinn war in höchst lobenswerter Weise entwickelt, und wenn hier und da auch einige unklare Köpfe die öffentliche Meinung auf kurze Zeit verwirrten oder andere unter der Maske des Idealismus egoistische Zwecke verfolgten, so blieben dies doch vereinzelte Fälle, und diese Personen konnten auf das öffentliche Leben nirgends beherrschenden Einfluß gewinnen. In diesem hatte durchaus ein gesunder Idealismus die Oberhand. In Zukunft werden aber die Faktoren, welche diese automatische Auslese bewirkten, wegfallen. Infolge der besseren Verkehrsverhältnisse, die Palästina während des Krieges erhalten hat und in Zukunft noch erhalten wird, wird sich das wirtschaftliche Leben rasch entwickeln und das Geldverdienen wird erheblich leichter und komfortabler werden, und schließlich wird mit der Vermehrung d^r Zahl der Einwanderer der Einzelne nicht mehr in dem Lichte der Öffentlichkeit stehen, sondern imstande sein, sich zu verstecken und im Trüben zu fischen. Es ist zu befürchten, daß Palästina, das vor den Toren Osteuropas liegt', für viele unerwünschte Elemente zum Tummelplatze werden wird, auf dem sie entweder überspannt idealistische oder trübe egoistische Ziele verfolgen