Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die Auslese des Menschenmaterials für Palästina
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Arthur Ruppin: Problem in der- Theorie und Praxis so gut wie keine Beachtung gefunden. In der Theorie beschäftigte man sich zwar viel mit der Erörterung der Frage, welche wirtschaftliche, rechtliche und soziale Struktur für das zukünftige jüdische Leben in Palästina zu erstreben sei, aber man konstruierte dabei ungefähr so wie der Physiker, der seine Gesetze für den luftleeren Raum berechnet und den Luftwiderstand unberücksichtigt läßt. Man nahm an, daß es nur darauf ankomme, eine gute soziale Struktur zu finden und — par ordre du moufti — zu dekretieren, und übersah dabei, daß die besten sozialen Einrichtungen erst durch die Menschen, für die sie gelten, Blut und Leben erhalten, und daß diese Menschen diejenigen sozialen Einrichtungen, welchen sie nach Erziehung, Beruf und Charakter fremd oder feindlich gegenüberstehen, in kürzester Zeit umformen oder zu leeren Hülsen machen werden. Schon in der bisherigen Kolonisationsarbeit in Palästina zeigte sich, daß die theoretisch besten Ratschläge und' Einrichtungen nicht verwirklicht werden konnten, wenn sie den Anschauungen und Gewohnheiten der osteuropäischen Einwanderer fremd waren. Viele Vorschläge, welche europäische Gelehrte und Praktiker für die Besserung der palästinensischen Verhältnisse machten, wären sehr gut gewesen, wenn die Einwanderer deutsche Bauern gewesen wären, aber für die mit russischen Ideen und Gewohnheiten aus städtischem Getriebe kommenden Gehirn- und Nervenmenschen waren sie einfach absurd. Wir müssen endlich lernen, daß auch in Palästina alles Gute in der Zukunft nur durch Anknüpfung an die wirkliche Gegenwart, d. h. an die bestehenden Gewohnheiten der Einwanderer, in allmählicher Entwicklung erreicht werden kann. Ist das Niveau der Einwanderer höher, so ist die Erreichung des Zieles natürlich leichter. Und das Niveau können wir dadurch heben, daß wir durch eine Siebung der Einwanderer nach Möglichkeit nur solche Elemente nach Palästina bringen, die nach Erziehung, Beruf und Charakter sich den von uns erstrebten Zielen nähern. Ebenso wie in der Theorie, spielte auch in der Praxis die Auslese des Menschenmaterials bisher keine Rolle. Jeder Jude, der nach Palästina einwanderte, war willkommen; mochte er alt, krank, arbeitsunfähig oder nach seinem Charakter antisozial sein, die öffentliche Meinung in Palästina fragte nicht danach. Sie sah in ihm eine Stärkung des an Zahl noch so geringen Jischub, und dies war für sie genügend. Selbst diejenigen, die die Schäden des alten Jischub vor Augen sahen, der in den Städten Jerusalem, Hebron, Tiberias und Safed ohne eigene Arbeit nur von milden Gaben des Auslandes lebte, nahmen doch nicht gegen die Einwanderung weiterer alter und arbeitsunfähiger Leute Stellung, weil sie eine solche Einwanderung immer noch für besser hielten als gar keine. Kurz und gut, es war der Kultus der Zahl, der alle Bedenken wegen der körperlichen, beruflichen und moralischen Beschaffenheit der Einwanderer hinwegschwemmte. Wenn es in Palästina trotz dieser mangelnden Auslese nicht zu schlimmen Resultaten in der Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung und zu schweren Schäden für die Kolonisation gekommen ist, so verdanken wir dies drei Umständen. Erstens dem Umstände, daß die Einwanderer, die nach Palästina kamen, um als Handwerker, Kaufleute, Intellektuelle oder Landwirte von ihrer Arbeit zu leben, dem alten Jischub geistig so fremd waren, daß sie von ihm ganz getrennt blieben. Es waren zwei Bevölkerungsschichten, die fast ohne Berührungspunkte nebeneinander herlebten. Die Fehler des alten Jischub, nämlich