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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 372

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die wahre Autonomie
Date
1918-01-01
Page
372 (sequence 5)
Language
German
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372 Hugo Bergmann: Die wahre Autonomie gibt es für die Arbeiter kein Gebot, so zu arbeiten, wie das Kapital es verlangt. Sind einmal Streike vorgekommen, wo die Arbeiter gezeigt hätten, daß sie andere als ökonomische Interessen haben, wo sie verlangt hätten, daß die Arbeit nicht das schaffe, was man nicht braucht? Geht es den Arbeitern um neue, tiefere Beziehungen der Arbeit zum Leben?" Ich hoffe, unsern Arbeitern in Palästina wird es um neue, tiefere Beziehungen zum Leben gehen. Die wundervollen Menschen, die vor dem Kriege landwirtschaftliche Arbeiter in Palästina waren, haben gezeigt, daß der jüdische Arbeiter bereit ist, sich mit seinem Sein für eine neue Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens einzusetzen. Unsere Arbeiter sind opferbereit und bedürfnislos genug, um dem Kapitalismus gegenüber ihre Unabhängigkeit bewahren zu können. Sie werden sich weigern, in jenen Hexenreigen des Kapitalismus einzutreten, der erst Nutzloses erzeugt, dann künstlich durch Geschrei, durch Mode und Reklame ein Konsumbedürfnis hervorruft, eine künstliche Verschwendung erzeugt, so daß am Ende ,,ein großer Teil der Menschen einander gegenseitig beschäftigt, ohne daß ein Mehrgenuß erzielt würde" (Otto Neurath, Die Wirtschaftsordnung der Zukunft. Österr. Volkswirt 1917). Unsern Arbeitern, mit denen der Zionismus bisher viel zu wenig Kontakt gehabt hat, wird bei der Gestaltung unserer Wirtschaft das entscheidende Wort zufallen. Sie werden sich hoffentlich von den Banden jenes Fatalismus befreien, der den Menschen zum willenlosen Produkt der Wirtschaftsordnung macht, statt einzusehen, daß umgekehrt die Wirtschaftsordnung Produkt wollender Menschen ist. Wird sich die neue Wirtschaftsgesinnung durchsetzen, so wird sie uns auch vor einem Klassenkampf bewahren, der das kleine und junge Gemeinwesen vollständig zersetzen müßte. Wie groß diese Gefahr ist, wird ermessen, wer sich erinnert, welche Feindschaft vor dem Kriege in manchen Kolonien zwischen Arbeitern und Kolonisten bestand. Dieses gegenseitige Mißtrauen, mit welchem ein Mensch im andern vor allem den Feind sieht, ist eben Grundzug der kapitalistischen Ordnung. Nur mit der kapitalistischen Gesinnung kann dieses Mißtrauen aus der Seele gerissen werden und die Solidarität der Liebe zum Land und Volk unsere Menschen verbinden. Dann wird es wohl noch Gegensätze zwischen den verschiedenen Klassen geben, aber nicht jene Feindschaft, die im Klassenkampf ein unabänderliches Fatum sieht. Wir Juden sind durch das Leiden der Jahrtausende zusammengeschmiedet, Solidarität ist uns angeboren, es wird nur darauf ankommen, sie aus einem passiven „Zusammenhalten" in ein lebendiges, sittliches Gefühl gegenseitigen Vertrauens umzusetzen. Das Leben mit dem Boden der Heimat wird unsere Menschen gläubig und vertrauend machen. Die soziale Frage — sagte Strindberg — „ist eine Ansteckung von dem großen Lustseuchenhaus der Großstadt". Hüten wir uns darum, die Idee der landwirtschaftlichen Besiedlung Palästinas verdunkeln zu lassen durch den Gedanken einer schnellen Besetzung des Landes auf dem Wege der Industrie und des Handels. Die Großstadt würde alle schlechten jüdischen Anlagen entwickeln, unsere Menschen würden schreiend, hastend, ruhelos, ein Opfer aller Großstadtverführungen. Wenn wir sagen, man müsse bei der städtischen Besiedlung Palästinas Vorsicht walten lassen und dürfe nicht durch überstürzte Bevölkerungsvermehrüng den Geist der Gemeinschaft ruinieren, dann pflegt man uns zu antworten: „Ja, aber wir müssen aus politischen Gründen trachten, möglichst schnell die Majorität im Lande zu gewinnen." Nein, sagen wir, diese Politik ist des Teufels! Wir

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