Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die wahre Autonomie
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 373 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Arthur Ruppin: Die Auslese des Menschenmaterials für Palästina wollen nicht als Herrscher einziehen. Wir leiten unsere Ansprüche nicht aus unserer Zahl ab, sondern aus der ewigen Sehnsucht unseres Volkes nach Palästina; vor dem Areopag der Völker begründet die Zionide Jehuda Halevis einen ebensolchen Rechtsanspruch wie ein paar Hunderttausende, die in Palästina sitzen! Wohl ist dies wahr: wir wollen dem Lande unsere Seele einhauchen, wir wollen die entscheidende geistige Kraft dort werden. Aber das ist nicht eine Frage der Quantität. Wenn wir durch eine Schnellkolonisation europäisches Klassenelend nach Palästina verpflanzen, wenn wir, die Möglichkeiten des Fremdenverkehrs ausnützend, als Marktschreier, Händler, vielleicht Betrüger nach Palästina gehen, wenn wir unsere Heiligtümer zu Schaustücken erniedrigen, so werden wir in einigen Jahren die Majorität haben, aber Palästina wird gerade darum ein völlig unjüdisches Land sein und die letzte chassidische Klaus des entlegensten polnischen Dorfes wird mehr Judentum in sich tragen als alle unsere nationalen Institutionen zusammen. Die Feuerprobe des wahrhaft jüdischen Charakters unserer Siedlung wird unser Verhältnis zu den Arabern sein. Eine Verständigung mit den Landesbewohnern ist viel wichtiger als alle Regierungserklärungen der Welt! Hiervon hat sich leider die öffentliche Meinung der Zionisten noch keine Rechenschaft gegeben. Was vor dem Krieg in Palästina geschah, war fast durchweg geeignet, uns die Araber zu verfeinden*). Eine friedliche Auseinandersetzung mit ihnen ist aber für uns eine Lebensfrage. Unsere Schulen müssen sich den Arabern öffnen, wir müssen in Zeitungen und Büchern ihrer Sprache zu ihnen reden, eine jüdisch-arabische Gesellschaft sollte sich bemühen, die tiefen Gemeinsamkeiten der Geschichte und des Wesens der beiden Völker für ein gedeihliches Zusammenleben fruchtbar zu machen. Allen denen, welche, geblendet von der momentanen politischen „Konjunktur ", eilen und den Geist der Siedlung, wie ihn der Zionismus erstrebte, sei es auch nur „für den Augenblick" verleugnen möchten, wollen wir sagen: Das jüdische Volk lebt seit zwei Jahrtausenden von der Hoffnung, in Palästina dereinst ein besseres, würdigeres, reines Leben zu führen. Solange wir Palästina nicht haben, sind wir wie der Sünder, der immer noch hofft: morgen, übermorgen kehre ich um, und der nur so seih Leben im Puhl erträgt. So leben wir von der Pälästinahoffnung, so tragen wir alles Drückende, Schlechte, Verzerrende unseres Daseins. Die Realisierung der Hoffnung ist aber auch ihr Ende. Der Zionismus ist entweder Triumph oder Untergang des Judentums. Prag Hugo Bergmann DIE AUSLESE DES MENSCHENMATERIALS FÜR PALÄSTINA i. Die Wichtigkeit der Auslese. Eins der wichtigsten Probleme in unserer zukünftigen palästinensischen Kolonisationsarbeit ist die Auslese des Menschenmaterials, weil von der richtigen Lösung dieses Problems im wesentlichen die ganze Struktur des zukünftigen jüdischen Gemeinwesens in Palästina abhängt. Bisher hat dieses *) Siehe Jizchak Epsteins Ausführungen im 17. Band des „Haschiloach" und Bergmann, Bemerkungen zur arabischen Frage, Monatsschrift Palästina 1911.