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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 371

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die wahre Autonomie
Date
1918-01-01
Page
371 (sequence 4)
Language
German
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Die wahre Autonomie 371 nur ein Mittel ist, und machte ihn zum Sklaven der Maschine, der endlos, ruhelos arbeitet und Sinn und Zweck der Arbeit vergessen hat. Diese Gier heizt die Schlote unserer Fabriken! Es ist nicht wahr, daß wir dieser kapitalistischen Wirtschaftsordnung, unrettbar verfallen sind! Sie ist nur Werk von Menschen, dieses bestimmten Menschentypus, der die Lebenswerte den Nutzwerten aufopferte, der das Geld statt zum bloßen Durchgangspunkte zum Ziel der Produktion machte! Dieser Menschentypus hat vielleicht immer existiert, aber erst in unserer Zeit hat er die Herrschaft über die Menschheit an sich gerissen, und heute erst gilt als „selbstverständlich", was anderen Zeiten als Absonderlichkeit und Verirrung erschien. Die Überwindung des Kapitalismus wird durch einen neuen Menschentypus geschehen, der erstens bedürfnislos ist, zweitens sich einstellt und einbezieht in die natürliche Verbundenheit der Volksgemeinschaft, und der drittens in seiner Arbeit ein Stück des Schaffens dieser Volksgemeinschaft sieht, das ihm zugleich die Mittel gewährt — Zeit und Muße — um an den Früchten des Schaffens der andern teilzuhaben. Der Weg zu diesem Menschentypus führt über die Erziehung. Nun ist aber die Erziehung, welche aus dem Kapitalismus herausführen wird, keine andere als die, welche der Zionismus selbst am jüdischen Volke vornehmen wollte. „Kolonisation Palästinas" ist ja gar nicht Ziel des Zionismus; es ist, fast möchte ich sagen, nur ein Vorwand: Ziel ist die Schaffung eines neuen Typus des Juden! An Stelle des Juden, der den Sachen verfallen ist und der das Tote anbetet, sollte der Jude treten, dessen Leben im Geiste wurzelt, der opferbereit, liebeerfüllt, begeistert ist. Es muß uns allen, unsern Behörden, Kongressen, Komitees, zum Bewußtsein kommen, daß es eine zionistische Wirtschaftsgesinnung gibt. Wir wollen nicht vergessen, daß im Hebräischen dasselbe Wort Arbeit und Gottesdienst bezeichnet (abodah). Unsere Arbeiter werden, hoffe ich, noch immer dieses Gefühl haben, das sinnerfüllte Arbeit von sinnloser zu unterscheiden weiß. Freudig setze ich, dies zu bestätigen, die Worte hierher, die ein jüdischer Arbeiter, A. D. Gordon, über den Krieg schrieb:*) „Es sagt sich so leicht: der Kapitalismus, die Regierungen. Wer sind denn der Kapitalismus, die Regierungen, wenn nicht die Völker? Wenn ein Volk eine schlechte Regierung besitzt, bedeutet dies, daß es nicht die Bewußtheit oder den Willen hat, um eine bessere zu haben. Das Kapital hängt mehr von den Arbeitern ab als sie von ihm. Aber die Arbeiter haben nicht genug Willen, das Kapital zu beherrschen, d. h. aber, von der Begierde nach Kapital frei zu sein. Das Kapital ist international, d.h. es hat keine Seele und dient seinem Eigentümer nur als Maschine. Es hat nur ökonomische Werte zu schaffen. Es schafft Parasiten und macht zum Parasiten: es kommt aus fremder Kraft und gibt Reichtum, was gleichbedeutend ist mit einem Wachsen durch das Blut eines andern. Dem Kapital ist es gleichgültig, ob das Volk gesund, kräftig ist, daher sucht es nicht das zu schaffen, was für das Volk und damit auch für die ganze Menschheit von größerer Notwendigkeit ist, sondern das am meisten Gangbare, das für das Kapital besser Lohnende. Und die Arbeit? Sie ist wie das Kapital, sie geht eines Weges mit ihm. Wer macht alle die Dinge, welche das Kapital schafft und welche die Welt verwüsten? Die Arbeit! Solange man auch ohne diese Arbeit, wenn auch nur bescheiden, leben kann, *) „Briefe aus Palästina." Der Jude, Febr.-März 1917.

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