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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 370

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die wahre Autonomie
Date
1918-01-01
Page
370 (sequence 3)
Language
German
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370 Hugo Bergmann: Ohren, Wir wollen aus Palästina keine „Brücke" machen, wir wollen vom Hader dieser kapitalistischen Welt, von ihrem Streit um strategische Sicherungen, Absatzmärkte und Handelswege verschont bleiben. Wir wollen in aller Ruhe uns selbst leben und, indem wir dies tun, hoffen wir der Menschheit zu unserm bescheidenen Teile zu helfen, sich von dem Fluche dieses Streites zu befreien. Dem Auslande muß möglichst wenig Gelegenheit gegeben werden, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen, uns im eigenen Lande für den Geist des heutigen Europas zu assimilieren. Die Hoffnungen derer, die schon heute, allzulaut, verkünden, mit Hilfe der großen europäischen Judenorganisationen würden ihre Heimatländer in Palästina Einflußsphären bekommen — so sprach der französische Politiker Pierre Mille in einem mit dem Zionismus sympathisierenden Artikel die Hoffnung aus, die Alliance israelite universelle werde in Palästina für französischen Einfluß sorgen . .. — alle diese Hoffnungen müssen zuschanden werden. Es ist uns eine sehr willkommene Bestätigung für die Möglichkeit einer solchen wahren, weil innerlich begründeten Autonomie, wenn der von rein wirtschaftlichen Erwägungen ausgehende Professor Carl Ballod es geradezu als Grundvoraussetzung für die jüdische Besiedlung Palästinas hinstellt, daß das Land inbezug auf Lebensmittel und Bekleidungsstoffe sich seinen eigenen' Bedarf selbst besorgt. (Siehe: „Der Zionismus und die Zentralmächte". Jüd. Ztg., 15. März 1918). Darum: ökonomische Unabhängigkeit, Fundierung der ganzen Siedlung auf Landwirtschaft. Dem Boden muß durch intensivste Hochkultur abgerungen werden, was er nur hergeben kann. Die Steigerung seines Ertrages bis zum Höchstmaß ist das Problem unseres nationalen Daseins. Achad Haam hat sich gleich bei Beginn unserer Kolonisation dagegen gewehrt, daß dort Wein gebaut wurde, wo Getreide gedeihen kann, daß das Land durch den Weinbau von ausländischen Handelskonjunkturen abhängig gemacht wurde. Das Arbeitsziel unseres Bauern muß das Produkt seines Bodens sein und nicht das Geld, das er auf fremden Märkten dafür löst. Nicht den Arbeitsmethoden also des Kapitalismus wollen wir entgegenarbeiten, sondern der kapitalistischen Gesinnung. Fabriken und Maschinen machen nicht den Kapitalismus. Kapitalistisch ist der Geist, mit dem der Fabrikherr und der Arbeiter an ihre Arbeit gehen, der Geist, mit dem die Bewohner des Landes die Erzeugnisse seiner Industrie genießen. Auch der Arbeiter denkt und empfindet kapitalistisch (obwohl er natürlich alle Entschuldigungsgründe für sich hat), wenn ihn innerlich nichts mit seiner Arbeit verbindet, wenn es ihm gleichgültig ist, ob er landwirtschaftliche Maschinen oder nutzlosen Tand oder Geschütze erzeugt, wenn er sich einem Klassenegoismus hingibt, der etwa das Interesse der heimischen Landwirtschaft preisgeben möchte, um nur dem Industriearbeiter billigeres ausländisches Brot zu verschaffen. Wie der Kapitalismus den Menschen seiner Arbeit entfremdet, so entfremdet er einen Menschen dem andern und setzt an die Stelle der durch Liebe verbundenen unegoistischen Volksgemeinschaft die durch den Egoismus der einzelnen verbundene Klasse. Der Kapitalismus hat für die Beurteilung jedes wirtschaftlichen Prozesses nur den einen Maßstab: das Geld, das am Ende übrigbleibt. Sogar Zeit ist ihm nur Geld, während doch in Wahrheit (wie Ruskin schön sagte) Geld nichts anderes ist als Zeit, d. h. keinen anderen Sinn hat als den, uns Zeit, Muße, geistiges Dasein zu sichern. Die Gier nach Geld ließ den Menschen vergessen, daß Geld

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