Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die wahre Autonomie
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 369 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die wahre Autonomie 369 rede ist, milde beurteilt, Literatur und Romantik, strenge: ein Frevel, mit dem wir unseren Führern, den Verwirklichern unseres Traumes in den Rücken fallen. Ich höre schon, wie die Kritik dieses Thema endlos variieren wird, wie der „gesunde Menschenverstand" der Masse gegen uns aufgerufen wird. Wir fügen uns ihm nicht! Wir kennen keine Notwendigkeit der Wirtschaftsordnungen, wir kennen nur das eine Gesetz: des Willens. Sollen wir im Augenblick, wo wir am Zionismus erleben, welche Wunder des Volkes Wille schaffen kann, uns von denen gängeln lassen, die noch immer nicht sehen, daß die Utopie von gestern die Wirklichkeit von morgen ist? So ist nun einmal unser geschichtliches Schicksal, daß nur der ganz große Wille sich an ihm bewähren kann. Die Vereine zur Abwehr des Antisemitismus wurden lächerlich. Der Gedanke des Judenstaates aber wurde praktisch-politisch. So hier auch: Der Gedanke einer Realisierung des Zionismns durch kapitalistische Kolonisation Palästinas muß scheitern. Aber eine neue, in Europa unerhörte Wirtschaftsgesinnung wird das Problem lösen. Es hilft euch Praktikern nun einmal nichts. Der Zionismus ist nicht praktisch und ist wirtschaftlich allein nicht zu rechtfertigen. Denkt ihr kapitalistisch, so ist der arabische Arbeiter viel billiger als der jüdische, so wird die Industrialisierung Palästinas ganz andere Elemente anziehen als die Juden — gab es doch schon vor dem Kriege eine starke arabisch-christliche Einwanderung aus Syrien nach Palästina! Und wenn der Kapitalismus das Land glücklich erschlossen haben wird, wird er es zugleich für uns verschlossen haben. Welche Anziehungskraft könnte auch ein amerikanisiertes Palästina auf die Juden ausüben? Man vergesse doch nicht, wie schwer das Problem unserer geistigen nationalen Konkurrenz nach dem Kriege sein wird. Die Beschränkungen sind gefallen, allüberall wird Zerstörtes aufgebaut, werden Kräfte benötigt. Man möge ein Symbol darin sehen, daß im neuen Rußland ein Jude eine entscheidende Stellung erhielt. Sollten wir uns wundern, wenn Juden so große Möglichkeiten des Wirkens aufsuchen und „sich assimilieren"? Nur wenn Palästina große Aufgaben stellt, wird es unsere Besten anziehen! Kapitalistische Industrie und Handel? Hungrige Menschen werden kommen, die Träger unserer Gedanken werden fremd und kalt bleiben. Aber denken wir uns, daß wir in Palästina den ernsten Versuch machen, das menschliche Zusammenleben auf neue Grundlagen zu stellen, denken wir uns, daß das Judentum, das seine Ideen immer nur in den Wolken des Gedankens, der theoretischen Diskussion zeichnen konnte, nun sich wirklich realisiert, daß wir ein wahrhaft jüdisches Land aus Palästina machen — welch großer Traum! So nur könnte es wieder heiliges Land, Brennpunkt unseres Lebens werden. Doch vorerst sei dem Kapitalismus zugestanden, was ihm zugebilligt werden muß: wir können nicht dran denken, eine vorkapitalistische Wirtschaft einzuführen. Es fällt uns nicht ein, die Maschine zu bekämpfen. Der Daseinskampf nach dem Kriege wird ein so schwerecsein, daß es lächerlich wäre, Möglichkeiten der Erzeugung, die Palästina bietet, zu vernachlässigen. Wo die kapitalistischen Methoden gestatten, Menschenkraft zu sparen, sollen sie angewendet werden. Jede verfehlte, reaktionäre Romantik bleibe uns fern. Wir sind Wirklichkeitsmenschen, nur daß unsere Wirklichkeit nicht von heute, sondern von morgen ist. Gerade dieses feste Fußen auf dem Boden der Wirklichkeit fordert gebieterisch: Palästina muß sich wirtschaftlich vom Auslande möglichst unabhängig machen. Vielzuviel klingt uns die Weise vom „Pufferstaat" in den