Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Von der Eigenartigkeit jüdischer Politik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 362 (sequence 5)
- Language
- German
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3^2 Oskar Epstein: So bleibt denn den Juden nichts anderes übrig, als Deutsche zu sein, solange die Deutschen am Ruder sind, und tschechisch zu werden, wenn die Herrschaft der Tschechen beginnt? Man braudht nicht erst die unangenehme Situation zu erleben, in der man nicht mehr recht weiß, wer die Macht hat, um von ganzem Herzen einen Ausweg zu ersehnen. Der einer jüdischen Politik nach Muster der Deutschen und Tschechen kann aber, wie gesagt, der rechte nicht sein. Sie ist schon dadurch unmöglich, daß wir, wie gesagt, in dem deutsch-tschechischen Kampfe beim besten Willen nicht ganz neutral sein können, und daß jede noch so ungewollte Hilfe für die eine Partei mit dem schärfsten Kampfe der Gegenpartei gegen die Existenzbedingungen der betreffenden jüdischen Einzelperson beantwortet wird. Das führt dann immer zu der Notwendigkeit, die Partei, in die man ungewollt geraten ist, um Hilfe anzugehen, was ohne eine, wenn auch begrenzte Eingliederung in sie nicht möglich ist. Aus dieser Erwägung wird nun klar, wo denn doch ein Ausweg liegt oder doch wenigstens der Anfang eines wirklichen Ausweges: in dem Aufbau einer, zunächst wirtschaftlichen, jüdischen Gemeinbürgschaft. Um langatmige, theoretische Auseinandersetzungen zu vermeiden, möchte ich die Wirkungen einer jüdischen wirtschaftlichen Gemeinbürgschaft auf eine Festigung unseres Standpunktes im deutsch-tschechischen Streit an dem schon erwähnten Beispiel zu zeigen suchen. Wir sagten schon, daß man einer Parteinahme bisher nicht einmal beim Lösen einer Straßenbahnkarte ausweichen konnte» Jeder, der in Prag eine Straßenbahnkarte in deutscher Sprache löste, demonstrierte damit für die deutsche Staatssprache und die untergeordnete Stellung der Tschechen innerhalb Österreichs. Jeder, der sie in tschechischer Sprache löste, demonstrierte damit für das Tschechische als eigentliche Landessprache der Sudetenländer und für die untergeordnete Stellung der Deutschen in diesen Ländern. Wenn nun, sagen wir, ein Jude eine Straßenbahnkarte in deutscher Sprache löste, so galt er, wenn sich diese seine Handlung wiederholte, bald als Deutscher, und wurde von allen Tschechen, mit denen er es bei seinen persönlichen Belangen zu tun hat, als Feind betrachtet. Er war infolgedessen gezwungen, sein Deutschtum auf deutscher Seite irgendwie formell anzumelden (was in der verschiedensten Weise geschehen kann), um so, wenn auch als Jude nur in beschränktem Maße, Schutz und Förderung zu erlangen. So erst, also mittelbar, wird jene einfache Alltagshandlüng zu einer Notwendigkeit, an dem Völkerstreit teilzunehmen, der dem Juden innerlich so durchaus wesensfremd ist. Es ist nun selbstverständlich, daß jene Notwendigkeit um so weniger eintreten wird, je mehr eine wirtschaftliche jüdische Solidarität sich entwickelt Wenn der Jude auf Jüdischer Seite gleichen Schutz sowohl gegen deutsche als auch gegen tschechische Angriffe auf seine wirtschaftliche Existenz finden wird, wird die Notwendigkeit augenblicklicher scheinbarer Parteinahme wirklich scheinbar bleiben und als eine scheinbare auch von Deutschen und Tschechen empfunden werden- Es ist vielleicht schon klar geworden, daß wir in dieser Weise den Widerstand gegen eine wirkliche, selbständige jüdische Politik mit seinen eigenen Waffen schlagen wollen. Zielbewußte und tatkräftige jüdische Politik wird dem zerstreuten Teile unseres Volkes dadurch "unmöglich gemacht, daß die Politik von der Wirtschaft abhängig ist und nach dem Willen der uns umgebenden Völker ihr zu dienen hat. Bei den zugespitzten politischen Verhältnissen der Sudetenländer wird es besonders dadurch klar, daß alle Betriebe, von den Friseuren.