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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 361

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Von der Eigenartigkeit jüdischer Politik
Date
1918-01-01
Page
361 (sequence 4)
Language
German
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Von der Eigenartigkeit jüdischer Politik 361 von deren Standpunkt das Verhalten der österreichischen, in erster Reihe der sudetenländischen Juden so charakterlos erscheint, so tun wir es leider allzusehr schon durch die Brille jener nichtjüdischen Politik. Wir müssen sie einmal so tief zu erfassen suchen, daß das eigentümliche Verhalten der Juden zu ihr klarer erkennbar wird, als es dem rasch verurteilenden Feindesauge genügt. Hat man nur den Willen, tiefer zu blicken, dann ergibt sich, wenn man nur ein paar Nummern einer tschechischen oder einer deutschböhmischen Zeitung gelesen hat, folgendes Bild. Sowie die Deutschböhmen behaupteten, für ein starkes Österreich zu kämpfen, so traten die Tschechen nach ihren Erklärungen für die Rechte der Länder der Wenzelskrone ein. Wenn man sich die Tatsache vergegenwärtigt, daß die Deutschen in Österreich die Mehrheit haben, sowie die Tschechen in den Ländern der Wenzelskrone, so erhalten wir schon das einheitliche Bild, daß Deutschböhmen und Tschechen um ihre Machtstellung kämpfen. Dabei handelt es sich nicht bloß um die Machtstellung der Gesamtheit, sondern durch sie ist durchaus auch die Machtstellung der Einzelnen bedingt. Sowie in einem Österreich mit deutscher Mehrheit mehr Deutsche höhere Stellungen bekleiden werden, als ihnen nach ihrem Prozentsatz zukommt, so wird es in den selbständigen Ländern der Wenzelskrone mit den Tschechen sein. Ohne neben diesem Faktor einen idealeren im Kampfe der Völker in Abrede zu stellen, erklärt doch diese Verkettung mit dem persönlichen Interesse erst die ungeheure Leidenschaftlichkeit und Erbitterung, mit denen der Kampf geführt wird. Sie machten es aber auch den Juden unmöglich, in diesem Kampfe eine wirklich neutrale Stellung einzunehmen, mit der fürs erste wohl die Mehrzahl des tschechischen Volkes zufrieden gewesen wäre. In Wahrheit lagen die Dinge so, daß man in der Prager Straßenbahn weder in deutscher noch in tschechischer Sprache hätte eine Fahrkarte verlangen dürfen, um in dem Kampfe zwischen Deutschen und Tschechen nicht Partei zu nehmen. Sowie nun diese Verkettung des nationalen Kampfes mit persönlichen Interessen es mit sich bringt, daß eine wirkliche Neutralität der Juden unmöglich ist, so kann seinetwegen auch andrerseits von einem wirklichen Verschmelzen mit der deutschen oder mit der tschechischen Politik nicht die Rede sein. Denn da die Mitkämpferschaft der Juden, wie wir sagten, aus dem Zwange der Lage entsprungen und auch so empfunden wird, hält das betreffende Volk sich zu keiner Gegenleistung für sie verpflichtet, während sie den wirklichen Volksgenossen gegenüber eine derartige Pflicht anerkennen. Es ist daher begreiflich, daß die Juden im Augenblicke eines Machtwechsels sich plötzlich dem Feinde ausgeliefert sehen, gegen den sie kämpfen mußten, ohne daß sich ihre früheren Kampfgenossen nur irgendwie um sie kümmerten. Daß es sich dabei in bezug auf den deutsch-tschechischen Streit nicht um eine Schwarzseherei handelt, zeigen die gegenwärtigen Vorgänge anläßlich des Rückzuges der Deutschböhmen auf ihr geschlossenes Sprachgebiet. Wo es sich um Juden handelt, ist es den Deutschen selbstverständlich, ihre früheren Mitkämpfer den Tschechen auszuliefern. So erhob auch in regelmäßigen Zeitabständen das „Prager Tagblatt" als das Organ der deutschböhmischen Juden ein Jammergeschrei, daß man die Deutschen in Prag und vielleicht auch in Pilsen und Budweis den Tschechen ausliefern wolle. Wenn dabei verschwiegen wird, daß jene Deutschen zum größeren Teile Juden sind, so geht es nur darauf zurück, daß die führende Generation der deutschböhmischen Juden noch aus Assimilanten besteht. Heft 8/9j 27

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