Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Österreichische Revolutionschronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 356 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Robert Weltsch: da die meisten jüdischen Gemeinden der Provinz zu klein sind, um nationale Rechte beanspruchen zu können. Die Stadt Wien ist aber infolge des Zusammenbruchs schwer gefährdet und es ist ein Lebensinteresse des Staates, die produktiven Elemente der Stadt zu fördern, um ihre Hilfe für den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu gewinnen. Insbesondere in diesem Moment der völligen Entblößung von Rohstoffen usw. müssen die Juden als wertvoller Faktor veranschlagt werden, weil sie durch ihre Beziehungen im Ausland es erleichtern können, Rohstoffe und Kredite zu beschaffen. Die internationalen Beziehungen werden aber von nun an nur die nationalen Juden haben, die sich als Söhne des eine Einheit bildenden 14 Millionen-Volkes bekennen. Eine kluge Regierung eines besiegten Landes sollte diese Hilfsmöglichkeit zu schätzen wissen und nicht deren eigenem Interesse entgegenarbeiten. Deutsch-Österreich hat aber von allen Teilstaaten trotz der geänderten Firma als Republik das stärkste Erbteil des reaktionär-blinden österreichischen Systems übernommen und auch die Engherzigkeit und Kurzsichtigkeit der Politik, die den alten Staat ins Verderben gestürzt hat. Der jüdische Nationalrat hat an das demokratische Gewissen der republikanischen Regierung appelliert, die freie und aufrichtige Staatsbürger braucht und nicht durch Erpressung eines falschen Volkstumsbekenntnisses einen Zwang zur Heuchelei ausüben und Prämien auf Charakterlosigkeit setzen darf. Denn wenn z. B. nur „deutsche" Beamte usw. zugelassen werden, befinden sich die jüdischnationalen Staatsbürger in dieser Zwangslage. Auch nach der neuen Ordnung kann es eben auf dem ehemals österreichischen Boden keine reinen Nationalstaaten geben. Renner selbst hat in seiner Theorie den Satz „cuius regio, eius natio" verworfen; seine Geltung würde auch immer neue Konflikte und neues Unglück heraufbeschwören. Wenn auch die alte Theorie des Nationalitätenstaates Schiffbruch gelitten hat, — eine Völkerbefreiung durch reine Nationalstaaten gibt es nicht, immer wird es daneben noch ein Minoritätsrecht geben müssen. Gerade das jüdische Volk ist ein Beweis dafür; und gerade das Volk, dessen Teile unter fast allen Völkern leben, kann am wirksamsten die Völker verbinden. Darum muß der geplante Völkerbund wirklich ein Bund der VölkerJ, nicht der Staaten, werden. Dadurch wird ausgesprochen, daß die Sache jedes Volkes („des schwächsten wie des stärksten", sagte Wilson) Sache der Menschheit ist. Der Völkerbund wird jedem Volk sein Recht verbürgen. Es gibt dann keine „innern" Angelegenheiten der Staaten mehr, alle Völkerangelegenheiten unterliegen der Entscheidung und Kontrolle des Völkerbundes. Im Völkerbund werden aber nicht die einzelnen Splitter des jüdischen Volkes reden, sondern das Volk als Gesamtheit und Einheit. Die unverbrüchliche Solidarität des jüdischen Volkes ist unsere Stärke. In diesen Tagen der Not und Krise rechnen die österreichischen Juden mit dem brüderlichen Beistand der Juden der ganzen Welt. Eine charakteristische Episode war es, als der tschechische Führer Klofac, vor dem Krieg radikaler Antisemit, in einer Rede vor unbesonnenem Vorgehen gegen die Juden warnte, weil in der Entente einflußreiche Juden sitzen und ein solches Verhalten eine empfindliche Rückwirkung haben könnte. Wir erwarten, daß auch die Polen diese Rückwirkung zu spüren bekommen werden. Deutsch-Österreich, das ja immer eine Hochburg des Antisemitismus war, wird diesen Gedanken gleichfalls sich zu eigen machen müssen. Ein liberales Eingehen auf die gerechten und bescheidenen Wünsche der Juden würde im Ausland den besten Eindruck machen.