Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Österreichische Revolutionschronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 355 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Österreichische Revolutionschronik 355 Auch in der Bukowina stehn die Juden auf strittigem Gebiet. Hier kämpfen Rumänen mit Ruthenen. Die Juden haben hier schon unter österreichischer Herrschaft eine eigene Gruppe gebildet Der jüdische Nationalrat umfaßt dort außer den Delegierten der Parteien auch einen Reichsratsabgeordneten (Dr. Straucher) und zehn Landtagsabgeordnete. In diesem Land, das immer ein kleines Österreich war, erwartet auch die Judenschaft eine neue Teilung und Zerreißung. Die Juden, seit Jahrhunderten unterdrückt und stets bei allen Freiheitsbewegungen in den ersten Reihen der Kämpfer, haben tiefes Verständnis und ungeheuchelte Sympathie für den Befreiungsdrang aller Völker. Sie stehen daher überall den Völkern mit freundschaftlicher Gesinnung gegenüber, verlangen aber, daß endlich auch für sie die Stunde der Befreiung schlage. Nur auf der Basis einer aufrichtigen selbständigen nationalen Politik ist ein dauerndes gutes Verhältnis möglich. Wenn sich die Juden zu Knechtesdiensten mißbrauchen lassen, erhalten sie von der einen Seite, sobald sie ihre Schuldigkeit getan, den Fußtritt, von der andern Seite ernten sie tiefwurzelnden Haß. Leider haben die Juden heute noch unter den bösen Wirkungen der Assimilationsperiode zu leiden. Das zeigt sich am deutlichsten in Böhmen und Mähren, wo die Juden immer die Schildträger der deutschen und zentralistischen Politik waren. Nur die anfangs kleine Gruppe der Nationaljuden hat stets auf das Unwürdige und Gefährliche dieser Rolle hingewiesen. Heute, wo die Tschechen Sieger sind, zeigt sich schon eine - widerliche Assimilationsbewegung nach der andern Seite. Die Tschechen weisen diese Aufdringlichkeit mit Hohn von sich. Der jüdische Nationalrat für den tschechoslowakischen Staat hat dem tschechischen Nationalausschuß ein Memorandum über die Forderungen der nationalen Juden überreicht und weitgehendes Entgegenkommen gefunden. Der Präsident der tschechoslowakischen Republik, Prof. Masaryk, hat den amerikanischen Zionisteh erklärt, die nationalen Forderungen der Juden würden ebenso wie die der andern nationalen Minoritäten erfüllt werden. Im Gegensatz dazu scheinen die leitenden Männer der deutsch-österreichischen Republik auf dem Standpunkt zu stehen, in dem neuen deutschen Nationalstaat sei für Minoritäten kein Platz. Der Führer dieser Anschauung ist auffallenderweise der Theoretiker der nationalen Autonomie, der Sozialdemokrat Karl Renner, gegenwärtig Staatskanzler. Der deutsch-österreichische Staat scheint überhaupt — unter führender Mitwirkung der Sozialdemokraten! — im reaktionärsten Fahrwasser zu segeln. Die sozialdemokratischen Machthaber verhalten sich daher auch den nationalen Forderungen der Juden gegenüber ziemlich ablehnend. Die Staatssekretäre aus andern Parteien, Christlich-soziale und Deutsch-bürgerliche, haben dem jüdischen Nationalrat gegenüber ihre Übereinstimmung mit den jüdischnationalen Wünschen erklärt und auch versichert, daß das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität keine Rückwirkung auf die Stellung der Juden in den Schulen und Ämtern haben könne; dennoch war es möglich, daß der ungeheuerliche Antrag, die Erlangung des Staatsbürgertums solle vom Bekenntnis zum Deutschtum abhängig gemacht werden, von der Nationalversammlung zunächst zum Beschluß erhoben wurde. Die Notwendigkeit einer Lösung der Judenfrage in diesem Gebiet steht nicht in Frage; und der jüdischnationale Lösungsversuch ist der gesündeste und aufrichtigste, das müssen auch diese Gegner anerkennen. Die jüdische Frage schrumpft für Österreich nach der Abtrennung Galiziens und Böhmens zu einer Wiener Angelegenheit zusammen,