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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 354

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Österreichische Revolutionschronik
Date
1918-01-01
Page
354 (sequence 5)
Language
German
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354 Robert Weltsch: und die endgültige Regelung wird erst der Friedenskongreß bringen, auf den das jüdische Volk auch in Österreich all seine Hoffnung setzt. Aber auch jetzt schon lassen sich die Tendenzen der einzelnen Völker einigermaßen erkennen. Sie sind uns nicht günstig, am wenigsten bei den Völkern, in deren Mitte die meisten Juden leben und denen sie bisher blinde Gefolgschaft geleistet haben. Diese Völker sind für die neue Ordnung nicht reif; sie haben kein Gefühl für Freiheit, nicht für die eigene, daher auch nicht für die fremde. Für sie ist Freiheit nur der Freibrief für Gewalt und Unterdrückung, Da stehen voran die Polen. Dieses unglückselige Volk, das schon so viel Leiden über uns gebracht hat, hat die Geburt seines neuen Staates mit unauslöschlichen Schandtaten beschmutzt. Der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden, der in Westgalizien eröffnet wurde, in Lemberg seinen Höhepunkt erreichte und die Juden durch Mord, Gewalttat, Brand, Raub, Plünderung geradezu auszurotten unternahm, ist das Mittel einer planmäßigen Gewaltpolitik, die jede gerechte Behandlung der Minoritäten ausschließt. Die Legionäre wirkten mit bei den Pogromen. Bewaffnete Banden zogen von Ort zu Ort, die jüdische Selbstwehr wurde gewaltsam von Legionären entwaffnet, zum Teil zwangsweise der Legion eingegliedert, und die wehrlose jüdische Bevölkerung wurde dann überfallen. Die als Regierung fungierende „Liquidationskommission" mißbilligte zwar die Vorgänge, erklärte sich aber für machtlos. Das jüdische Volk hat durch die Nationalräte die Brüder im Ausland um Hilfe angerufen: sie mögen all ihren Einfluß aufbieten, damit die Sieger schnell gegen die Unmenschlichkeit der Polen einschreiten. Gegenüber dieser Brutalität versagen alle politischen Erwägungen. Wenn auch einzelne polnische Behörden und Organe (von einer Einheitlichkeit ist bisher in allen neuen Staaten keine Spur) die jüdische Nation und ihren Anspruch auf Minderheitsrechte anerkannt haben, so kann man doch nur die traurigste Prognose für das künftige Zusammenleben der Völker stellen. Das jüdische Volk aber, das in diesen vier Jahren Unaussprechliches gelitten hat, wird auch aus diesen neuen Leiden nur Kraft und Entschlossenheit schöpfen. In dem Streit zwischen Polen und Ukrainern um Ostgalizien hat der jüdische Nationalrat die Parole strenger Neutralität ausgegeben. Die Juden können in diesem verhängnisvollen neuen Krieg nicht Partei nehmen und wollen sich von keiner Seite mißbrauchen lassen. Die Ruthenen bilden in Ostgalizien zweifellos die Majorität und eine gerechte Handhabung des Prinzips der Selbstaestimmung müßte auch ihnen das Recht auf Unabhängigkeit zugestehen. Die Hauptstadt Lemberg ist vorwiegend jüdisch und nur die Gewissenlosigkeit eines Löwenstein, der seine ganze falsche Existenz zusammenbrechen sah, konnte an öffentlicher Stelle die Behauptung wagen, daß alle Juden polnisch gesinnt seien. Die Ruthenen haben bereits in der ersten Tagung ihres Nationalrates, in der sie den ukrainischen Staat in Ostgalizien proklamierten, die Juden als Minoritätsnation anerkannt und ihnen eine Vertretung in der Regierung eingeräumt. Die Juden sind entschlossen, keine andere Politik als eine jüdische zu machen. Die am 14. Oktober in Wien und ganz Galizien abgehaltenen Massenversammlungen, derengleichen noch nicht dagewesen ist, haben das Selbstbestimmungsrecht der Juden unüberhörbar verkündet Am 20. Oktober hat in Lemberg eine riesige jüdische Demonstration für die jüdischnationalen Forderungen stattgefunden, an der 30000 Menschen teilnahmen. Ruthenische Redner haben vorbehaltlos den jüdischen Forderungen zugestimmt Gegenwärtig ist nicht abzusehen, wie der Kampf in Galizien entschieden wird.

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