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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 353

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Österreichische Revolutionschronik
Date
1918-01-01
Page
353 (sequence 4)
Language
German
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Österreichische Revolutionschronik 353 ein jüdischnationales Staatswesen in einem österreichischen Bundesstaat nicht entstehen konnte. Obwohl das kaiserliche Manifest von keiner Nation ernst genommen wurde und bereits der Empfang der Delegationen der einzelnen Nationen beim Kaiser mit einer unzweideutigen Absage endete, gab die Überlassung der Regierungsgewalt an die Völker doch den Anstoß zu der radikalen Neugestaltung, zumal parallel damit die völlige .militärische Vernichtung der österreichischen Staatsgewalt ging. Es bildeten sich sofort die nationalen Vertretungen der Völker und übernahmen die Regierung; zuerst, entschlossen, die slawischen Völker, deren Unabhängigkeit und Selbständigkeit unter dem Einfluß der Wilsonschen Note feststand, sodann, zögernd, auch das deutsche Volk, das endlich seine Herrschaftsaspirationen über die anderen Völker in Österreich aufgeben mußte. Für die Juden war damit eine neue Situation geschaffen, und obwohl das jüdische Volk einen Nationalrat in dem gleichen Sinne nicht gründen konnte, mußten doch die nationalen Parteien deutlich Stellung nehmen, um zu verhüten, daß bei der Teilung Österreichs die Juden als Objekt behandelt und der Willkür der anderen Nationen preisgegeben würden. Die zionistische Parteileitung hat eine Reichskonferenz der Zionisten Österreichs nach Wien einberufen, auf welcher die Einsetzung eines jüdischen Nationalrates beschlossen wurde. Es mußte aber der bereits vollzogenen Zerstückelung Österreichs so weit Rechnung getragen werden, daß eine Einsetzung von lokalen Nationalräten in allen neuen Staaten in Aussicht genommen wurde, aus deren Delegierten sich dann der gemeinsame Nationalrat für ganz Österreich zusammensetzen konnte. Daraufhin traten Delegierte der nationalen jüdischen Parteien (Zionisten, Poale-Zion, Sozialdemokraten, Orthodoxe) zusammen und die Nationafräte wurden eingesetzt. Die Funktionen des jüdischen „Nationalrates" waren allerdings andere als die der von den andern Völkern konstituierten „Nationalräte". Denn die rasch fortschreitende revolutionäre Entwicklung gab den Völkern rasch die ganze Regierungsgewalt in die Hand; während also die andern Nationalräte regierende Körperschaften wurden, mußte sich der jüdische Nationalrat auf Vertretung der jüdischen Interessen und Proklamation der Forderungen des jüdischen Volkes beschränken. Das jüdische Volk verlangte ungestüm diese nationale Vertretung; seine Stimmung steigerte sich zu höchster Spannung, das Volk war diese Tage über in wahrhaft fieberhafter Exaltation: die Überzeugung, daß der-entscheidende Augenblick gekommen sei, erfaßte alle Gemüter, und der allgemeine Freiheitsrausch wirbelte auch in den jüdischen Seelen vergrabene Gefühle auf. Der Friede der Gerechtigkeit soll den Völkern gegeben werden; die Interessen des schwächsten Volkes sollen ebenso heilig sein wie die des stärksten: auch dem jüdischen Volk muß Gerechtigkeit werden, die großen Demokratien haben dem jüdischen Volk seine nationale Heimstätte in Palästina zuerkannt; nun will es frei und aufrecht, als gleichberechtigtes Glied der Völkergemeinschaft, in brüderlicher Eintracht als Volk mit den Völkern leben, sein eigenes nationales Leben. Bei der großen Auseinandersetzung der Völker in Österreich will auch das jüdische Volk, das bisher nicht „anerkannt" war, mitsprechen und frei sein Schicksal bestimmen. Das jüdische Volk jubelte den jüdischen Nationalräten zu. Die reale Politik gestaltet sich nicht so ideal, wie die Begeisterung der großen Stunde sie erträumt. Noch ist zwar Definitives über das Schicksal der Juden nicht festzustellende sich überstürzenden Ereignisse ändern täglich die Situation,

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