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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 352

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Österreichische Revolutionschronik
Date
1918-01-01
Page
352 (sequence 3)
Language
German
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352 Robert Weltsch: Die jüdischnationale Partei in Österreich hat schon seit ihrer Begründung das Programm aufgestellt, das als österreichische Idee einzig möglich gewesen wäre: es ist das in seinen Grundzügen auf den jüdischen Politiker Adolf Fischhof zurückgehende Programm der nationalen Autonomie. Die Jüdischnationalen haben erkannt, daß alle in Österreich wohnenden kleinen Völker nur dadurch an den Staat gefesselt werden können, daß er ihnen die weitgehendste Freiheit nationaler Entwicklung bietet und gleichzeitig die Vorteile der Großmachtstellung sichert. Das jüdische Volk, das schon seiner ganzen Veranlagung nach der Idee der Völkervereinigung und des Völkerbundes zu dienen berufen ist, hat gerade die österreichische Staatsidee, in der sie die Lösung aller nationalen Fragen in nuce erblickte, mit großer Begeisterung getragen. In der politischen Theorie sind die Jüdischnationalen besonders dem von der deutschen Sozialdemokratie (Karl Renner) verfochtenen Autonomieprogramm gefolgt, das die Autonomie auf den Personenverband — die nach dem Personalitätsprinzip zur Korporation zusammengefaßte Nation — gründet. Nur eine solche Autonomie könnte auch für die Juden in Betracht kommen. Ihr Wirkungskreis würde sich naturgemäß nur auf kulturelle Angelegenheiten beziehen; alle an das Territorium geknüpften, somit den Völkern gemeinsamen Angelegenheiten, z. B. die Wirtschaft, müßten den auf Grundlage des territorialen Zusammenhanges eingesetzten Verwaltungsorganen vorbehalten bleiben. Die Juden sind die einzige Nation, die einen solchen Personenverband schon geradezu vorgebildet hatte: die jüdischen Kultusgemeinden, welche nur zur Reichsorganisation hätten zusammengefaßt werden müssen. Die Entwicklung aber hat eine andere Richtung genommen. Österreich war für seine Aufgabe nicht reif. Die Nationalitätengegensätze wurden durch das Zusammenleben nicht gemildert, sondern in unerträglicher Weise verschärft, jede Nation hat dort, wo sie die Majorität bildete, die rücksichtslose imperialistische Herrschaft über die anderen Nationen angestrebt. Da der Staat sich als immer unzulänglicher erwies, wurde das Ideal der Nationen in immer höherem Maß die völlige Unabhängigkeit, die souveräne Herrschaft über ihr Gebiet. Die auf dem Personalitätsprinzip beruhende nationale Autonomie schwand immer mehr hinter dem Streben nach territorialer Unabhängigkeit und Herrschaft. In der Richtung dieser Entwicklung hat auch der durch die Kriegsereignisse bewirkte Zerfall Österreichs entschieden. Nicht nur die österreichisch-ungarische Monarchie hat zu bestehen aufgehört, sondern auch die ihr zugrunde Hegende Idee ist aufgegeben. Es soll fortan keinen Nationalitätenstaat, sondern nur noch Nationalstaaten geben. Als es klar geworden war, daß dies die Lösung sein wird, hat noch im letzten Moment die österreichische Regierung den Versuch gemacht, Österreich wenigstens als föderalistische Monarchie zu erhalten. Auch dieser Versuch schlug fehl. Die Völker wollten ihren Staat nicht mehr aus der Hand des Kaisers, sie wollten ihn durch eigene Kraft aufbauen. Die Lösung ist allerdings wieder gewaltsam und kann keineswegs den Bedürfnissen aller Nationen Rechnung tragen. Als Herren von neuen nationalen Staaten kamen, nachdem die Polen anerkannt ausgeschieden waren, nur vier Nationen in Betracht: die Deutschen, Tschechen, Südslawen und Ukrainer; die Italiener und Rumänen suchen ja Anschluß an die bereits bestehenden Nationalstaaten. Das kaiserliche Manifest forderte die Völker auf, aus ihren Abgeordneten Nationalräte zu wählen, welche die vorläufige Regierungsgewalt im Bereich der Nation übernehmen sollten. Damit war auch das jüdische Volk bereits ausgeschlossen, da

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