Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Österreichische Revolutionschronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 351 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Österreichische Revolutionschronik 351 verschoben haben. Immerhin ist der eigentümliche Charakter des österreichischen Judentums, in dem sich Ost und West auf das innigste berühren, dadurch noch stärker in Erscheinung getreten. Wien ist heute in weit höherem Maß als je zuvor ein Zentrum des Ostjudentums. So wurde das gesamte österreichische Judentum im Kriege vielleicht noch fester zusammengeschmiedet und hat sich auch deutlich als Einheit empfunden. Dieser Verbundenheit wurde durch den Zerfall des Staates ein jähes Ende bereitet. Die erste Folge, die wir feststellen müssen, ist die Zersplitterung einer jüdischen Gruppe von i1/^ Millionen Menschen in vier oder fünf Teile. Von diesem Gesichtspunkt aus wäre der Zerfall Österreichs von uns zu bedauern. Wir wären im alten Nationalitätenstaate das fünftstärkste Volk gewesen, wenn man uns als Volk anerkannt und wenn sich alle Juden als Söhne ihres Volkes bekannt hätten. Man hat uns aber nicht anerkannt und hat uns auch nicht gerade wohlwollend behandelt. Trotzdem bestand die Möglichkeit, in jedem Fall eines Unrechts an die Zentralgewalt des Staates zu appellieren und dort Gerechtigkeit zu fordern, im Namen und mit dem Gewicht der ganzen beträchtlichen Gruppen. Das konnte von besonderer Wichtigkeit werden, wenn eines der Völker seinen Expansionsdrang durch Unterdrückung der Minoritäten betätigte. Eine vernünftige österreichische Regierung hatte verstehen müssen, daß eine Unterstützung der Minoritäten in ihrem eigenen Interesse lag, weil der Antagonismus der imperialistischen Nation gleichzeitig nach oben und nach unten drückte, so daß die Zentralgewalt und die Minoritäten natürliche Verbündete waren. Leider aber hat die österreichische Regierungskunst auch das nicht verstanden. Wenn Österreich so glücklich gewesen wäre, einen überragenden Staatsmann zu haben, der die österreichische Staatsidee wirklich erfaßt hätte — die Idee des Nationalitätenstaates als Völkerbundes im kleinen —, er hätte sich auch darüber klar werden müssen, daß die jüdische Bevölkerung, die unter allen Völkern des Staates als Minorität lebt, ein wertvolles Element der Verbindung schon durch ihre natürliche Lage dargestellt hätte. Diese Funktion eines zentralistisch wirkenden Elementes wäre aber nur dadurch zustande gekommen, daß das jüdische Volk sich tatsächlich auch als Einheit gefühlt hätte; Voraussetzung dessen wäre ein starkes nationales Bewußtsein der Juden gewesen. Dieses nationale Bewußtsein hat aber dem Gros der Juden gefehlt, und der Staat hat nicht einmal begriffen, welchen Nutzen er aus einer solchen Einstellung ziehen könnte, und hat daher der jüdischnationalen Bewegung alle erdenklichen Schwierigkeiten in den Weg gelegt, vor allem die Anerkennung der jüdischen Nationalität konsequent verweigert. Die assimilatorische Bewegung ist, sowie sie eine Zersetzung des Judentums beförderte, auch ein zersetzendes Element für den Staat geworden. Schon seit 1867 waren die jüdischen Magyaren die extremsten Chauvinisten, die für die Loslösung Ungarns vom Reiche eintraten. Ebenso haben die jüdischen Deutschen in Böhmen und die jüdischen Polen in Galizien den nationalen Chauvinismus geschürt, da sie, um überhaupt Geltung zu erlangen, immer in den ersten Reihen stehen mußten. Die jüdischtschechischen Assimilanten haben schon bei Kriegsbeginn, trotz Zarismus, die tschechische Schwärmerei für Rußland mitgemacht. So hat sich die verweigerte Anerkennung der jüdischen Nation am Staate gerächt. Dem Staate war nicht zu helfen, weil er statt auf einem vernünftigen Nationalitätenprogramm auf dem einseitigen Herrschaftssystem der deutschen und ungarischen Nation beruhte.