Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Österreichische Revolutionschronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 350 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Robert Weltsch: ÖSTERREICHISCHE REVOLUTIONSCHRONIK Die große Umwälzung in Österreich, die den Zerfall der alten Habsburgermonarchie herbeiführte und neue Staaten junger kraftvoller Völker auf ihrem Boden entstehen ließ, hat naturgemäß auch das Judentum dieser Gebiete zutiefst aufgerührt und vor eine neue Situation gestellt, die neues Handeln erheischte. Der Fall Österreichs ist der Zusammenbruch einer alten Machtpolitik, die sich auf einen Rest längst überlebter Feudalbegriffe stützte. Die Dynastie wollte mit Hilfe von zwei treuen Nationen acht andere Nationen gegen deren Willen beherrschen und fand willige Helfer in den Theoretikern des „Wirtschaftsgebietes", die die Zusammengehörigkeit der österreichischen Völker aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit ihrer Länder voneinander herleiten wollten. Die österreichischen Völker, besonders die Slawen, wurden an der freien Entfaltung ihres nationalen Organismus gehindert, und man meinte, sie durch schulmeisterliche Mittel im Zaum halten zu können, denen man als Maßstab des „sittlichen Betragens" den sittlich aufgeputzten Staatsbegriff unterlegte. Man wollte das Freiheitsstreben der Völker einfach nicht zur Kenntnis nehmen; dadurch bewirkte man aber nicht, daß die Tatsachen aus der Welt verschwanden, vielmehr steigerte sich das elementare Gefühl der Unfreiheit zur Unerträglichkeit, und es wurde jene harte Kraft der Auflehnung erzeugt, die die schwersten Ketten sprengt. Die große Bewegung der letzten Wochen hat das Werk vollendet; der Staat, der nur noch als fiktive Macht bestand, fiel in Trümmer, und aus den Ruinen blüht das neue Leben der aufstrebenden Nationalstaaten. Die Katastrophe Österreichs ist also auch das Fiasko einer diplomatischen Methode; wir Juden haben allen Grund, mit Nachdruck auf diesen Umstand hinzuweisen, weil diese Methode des Nicht-sehen-wollens auch uns gegenüber gern praktiziert wird. Tatsächlich glauben viele Staaten (und auch das alte Österreich gehörte zu ihnen), die Judenfrage dadurch aus der Welt schaffen zu können, daß sie sich ihrem Wesen verschließen. Das führt entweder zu Entladungen, die allerdings uns Juden schwer treffen, aber auch dem Staat nur Unheil bringen, oder aber zu einem verhängnisvollen Hinschleppen und Verschleiern zerfressender ungesunder Verhältnisse, die zumindest den Staat mancher Vorteile berauben, die er durch kluge Erkenntnis und Nutzbarmachung historisch begründeter und lebenskräftiger Tendenzen eines Teiles seiner Bevölkerung erzielen könnte. In Österreich werden die nationalen Fragen jetzt radikal gelöst; aber auch diese Rechnung kann nicht ohne Rest aufgehen. Das Problem, über das man immer stolpern wird, ist die Judenfrage. Jedes Volk soll seinen nationalen Staat bekommen; die Juden, überall zerstreut, überall nur Minderheit, stehen wieder vor der Situation, daß die allgemein angenommene Lösung für sie nicht gilt; und sie müssen daher gerade in dieser Zeit des Rausches, wo alles neu wird und erst Formen sucht, mit vernehmlicher Stimme sich zu Wort melden, lauter als die andern Völker, die man nicht ignorieren kann. Man darf jetzt auch die Juden nicht ignorieren und muß sich die Mühe nehmen, auch deren Fall durchzudenken. In Österreich lebten nach der Volkszählung von 1910 im ganzen 1325537 Juden (in Ungarn 932458). Davon lebten in Galizien 871895, in der Bukowina 102919» in Nieder-Österreich 184779, in Böhmen und Mähren etwa 125000 usw. Die Zahlen dürften sich im Krieg infolge der Wanderungen der Flüchtlinge erheblich