Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Die Revolution und wir
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 346 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Martin Buber: Die Revolution und wir hang seines Wesens mit der Aufgabe des Zeitalters und seine Berufung zur neuen Menschheit den Augen der Welt aufleuchten. Aber heute schon, inmitten der Irrungen, bestehen sie und wirken. Auf ihrem Grunde stehend, nicht um irgendwelcher uns zugute kommenden Nebenprodukte willen, nicht als Nutznießer, sondern als Mitkämpfer und Mitträger, grüßen wir die Revolution. * Zwei große Ereignisse sind — ein Ergebnis des abendländischen Kriegs — in dem Augenblick, den wir durchleben, zur Reife gediehen: die soziale Revolutionierung des östlichen und mittleren Europas und die Verselbständigung seiner Nationalitäten. Wie bald und wie weit beide um sich greifen werden, ist noch nicht wahrnehmbar; entscheidendes Gewicht haben sie schon in ihrer gegenwärtigen Begrenzung. Es ist nun für die rechte Erkenntnis wesentlich zu sehen, daß das zweite dieser Ereignisse das Ende einer Ideologie, das erste die Umbildung einer Ideologie einschließt. Die kleinen Nationen erhalten heute staatliche Existenz, die großen staatliche Einheit. Damit Jst der Nationalismus als Idee erfüllt. Als politisches Element wird er noch lange, vorwiegend in den für die nächsten Jahrzehnte zu erwartenden Grenzstreitigkeiten, fortleben, als geistiges Element nicht. Die Völker werden in ihre Rechte eingesetzt, sie brauchen sie nicht mehr zu begründen. Sie können noch allerlei einzelne Forderungen anmelden und verteidigen; die allgemeine hat das Schicksal ihnen bewilligt und damit ausgelöscht. Jede Nation wird nun zu erweisen haben, was sie zu leisten vermag; es zu verkünden ist nicht mehr an der Zeit. Was fortan zwischen Rhein und Wolga an nationalistischer Gesinnung hervortritt, kann nur noch anwenderisch, nicht schöpferisch sein. Anders verhält es sich mit der Revolution. Wer Augen hat zu sehen, sieht, daß sie keine Vollendung, sondern ein Anfang ist. Auf den Flächen des Staatslebens wird Schutt hinweggeräumt; unermeßlicher lagert noch in den Tiefen des Gesellschaftslebens. Was jetzt an gesetzlichen Umordnungen erfolgt, hat den Charakter von Notstandsaktionen; es wird das innere Gefüge des menschlichen Zusammenlebens nicht umwandeln. Dieses kann überhaupt nicht durch dekretierte oder beschlossene Institutionen, sondern nur durch eine von innen aufkeimende, allmählich sich ausbreitende Verjüngung des Zellengewebes, durch die stete Bildung und Aneinandergliederung neuer echter kräftiger Gemeinschaftszellen — echter Genossenschaften, echter Gemeinden —, durch ein Neuwerden und Echtwerden der Beziehungen von Mensch zu Mensch, von Gruppe zu Gruppe und so auch von Volk zu Volk erneuert werden. Diesen Prozeß erleichtert die Revolution, ihre Werke werden ihn befördern, aber mehr vermag sie für ihn nicht. Und so findet das Ideal, dessen Frucht die Revolution ist, in den Institutionen, die sie hervorbringt, seine Grenze — aber nicht seinen Abschluß; denn die Erkenntnis, daß diese Institutionen nicht eine Vollendung, sondern einen Anfang bedeuten, und daß das Wesentliche ein Künftiges, ein jetzt erst wahrhaft zu erschauendes Ziel ist, wird das Ideal umbilden. Ein neuer Sozialismus, der den alten fortsetzt und umsetzt, bereitet sioh in den schöpferischen Geistern des Zeitalters — nicht zuletzt in den jüdischen. Vielleicht beginnt jetzt erst wahrhaft die schöpferische Periode des sozialistischen Ideals. Auch das jüdische Volk soll heute in seine Rechte eingesetzt werden, auch es soll seine selbständige Existenz auf eigner Erde wiedererlangen; und auch seinen Massensiedlungen in der Diaspora muß angemessene Selbstverwaltung zuteil