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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 8-9 · p. 345

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 8-9
Article
Die Revolution und wir
Date
1918-01-01
Page
345 (sequence 1)
Language
German
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DIE REVOLUTION UND WIR Es sind nun mehr als anderthalb Jahre, daß ich an dieser Stelle die russische Revolution gegrüßt habe. Trotz all ihrer seitherigen Irrungen reut mich keins meiner Worte. Das Gestrüpp, das dem russischen Volk den Weg, seinen Weg versperrte, ist ausgerodet worden; täppische, brutale Hände haben eingegriffen; aber sie werden nicht bewirken können, daß dieses Volk nunmehr den Weg gehe, den sie ihm weisen, statt seines eignen, ihm von seiner Seele zugedachten Wegs zu seiner eignen Art freien Menschentums. Auf die russische ist nun die deutsche Revolution gefolgt. Sie hat von jener gerade die willkürhaften Formen ihrer vorläufigen Organisation übernommen; sie werden von ihr abfallen, nach schweren Kämpfen, die aber gewiß geordneter, unblutiger, schneller als in Rußland verlaufen werden: weil der architektonische Sinn des deutschen Menschen trotz allem stärker ist als die Meinungsdifferenzen über den Baustil. Dieser Sinn war vom alten System niedergehalten worden; entfesselt, wird er sich von dem Parteiwesen, seinem schlimmsten Widersacher, nicht wieder einfarigen lassen. Noch herrscht das Schema und die politische Mechanik; aber morgen muß sich die Überlegenheit organischen Gestaltungstriebs erweisen. Zwei Kräfte wirken zusammen und werden zusammenwirken, die neue europäische Epoche zu bereiten: die Unmittelbarkeit des Russen, die zwischen Mensch und Mensch Gemeinschaft stiftet, und der bauende Sinn des Deutschen, der den vorgefundenen Stoff zur Struktur zusammenbildet. Aber eine dritte tritt dazu, befeuernd, zugreifend, durchsetzend: der Verwirklichungsdrang des Juden; er macht ihn zum berufenen Helfer der großen sozialen Umwandlung. Der Jude kann nicht ertragen, daß Gemeinschaft nur als persönliche Beziehung, als Dorfgenossenschaft, Ketzergemeinde, Kameradschaft der „ins Volk Gehenden" bestehe; er will, daß sie den ganzen Gesellschaftskörper durchglühe und durchseele. Und er kann nicht ertragen, daß der bauende Sinn sich nur am Werk des Einzelnen, an Münstern, Symphonien und Gedankensystemen auswirke; er will, daß er aus dem Leben der Gesamtheit das lebende Denkmal errichte. So treibt es ihn, an der Umwandlung mitführend teilzunehmen; so wird er dort und hier zum Auslöser und Kampfgefährten. Von je hat er an die Erneuerung geglaubt, an den „Neubruch", an die „neue Erde", an das „Neuwerden aller Dinge"; von je hat es ihn danach verlangt, das Absolute im Empirischen auszuprägen unddie „Gerechtigkeit" wie einen unversieglichen Bach sich ergießen zu lassen. Mit der wirkenden Kraft dieses Glaubens und dieses Verlangens stellt er sich in die beginnende Umwälzung ein. Freilich, er greift oft fehl, er muß immer wieder fehlgreifen: weil er nur allzu leicht verkennt, daß auch die Umwälzung sich jeweilig innerhalb des Lebens eines Volkstums aus dessen Geist und nach dessen Gesetzen vollzieht, daß auch die Revolution so zuinnerst an eine Tradition anknüpft. Er wird erst dann nicht mehr fehlgreifen, wenn er seine Wahrheit auf eignem Boden und mit dem eignen Volkstum verwirklicht. Dann erst werden der tiefe Zusammen- Heft 8/9. 26

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