Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jugend spricht
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 340 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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34<> Bemerkungen Denn nicht was infolge des Zusammenwirkens Historischer Zufälligkeiten tatsächlich ist, sondern was nach dem Zeugnis seiner Vernunft sein soll, ist für ihn richtunggebend. In diesem Sinn, aus dem Geistigen, strebt die junge Generation nach Erneuerung des Lebens. Das Sollen ist ihr das Wort des lebendigen, geistigen, schaffenden Gottes. Sie verwirft die Menschheit, die Gott verleugnet und aus der von ihr verehrten materiellen Welt zur Beruhigung ihres verknöcherten Gewissens ein Repräsentationsstück in ihrem Hause aufstellt, um sich, betrogene Betrüger, vor ihm zu bücken. Das Leben geht dann unangefochten, in den Bahnen der tradierten Konvention, seinen bequemen Gang, scheinbar in bester Ordnung, in Wahrheit aber von der teuflischen Macht der Trägheit und der Begierden geregelt. Diese Welt müßte versinken und zerbrechen; aber in jedem Geschlecht sucht sich der wahre Gott seinen Sendling, der im Kampfe sein Wort erfüllt, das Leben aus dem Geist erneuert. So sandte Gott den Gideon, er möge hingehen und das Standbild des Baal im Hause seines Vaters zerbrechen (Richter 6.). Es ist eine Funktion der Jugend, die Götzen, in deren Schatten die alte Generation schläft, zu zertrümmern. Vor diesem Ansturm hält auch die alte Generation nicht stand und spricht, das Neue empfangend, mit einem letzten Blick auf ihre zertrümmerte Welt, wie Gideons Vater: Ist Baal Gott, dann kämpfe er selbst für sich... Jerubbaal, der Beiname Gideons: in diesem Namen schon liegt das Programm der neuen Zeitschrift*). Sie will einen Kreis so denkender, vor allem zum Handeln entschlossener junger Leute um sich sammeln. Sie ist nicht das Organ einer geschlossenen Gruppe, sie hat nicht einmal ein sachlich begrenztes Programm. Vielmehr dient sie der freien, rückhaltlosen Aussprache, vor allem der Aussprache der Jugend selbst, und jedem wird das Wort gegeben, sofern er nur aus jugendlichem Erleben und ernsthaftem Antrieb spricht. Es ist immer eine mißliche Sache um eine Zeitschrift, deren Grundcharakter revolutionär ist; denn die Zeitschrift ist ein unvollkommenes Instrument, in ihr haben nur Worte Platz, und gerade unsere Generation ist ja der Worte und des Redens müde und möchte endlich tun und leben können. Aber vor jedem Tun ist eine Verständigung der Gefährten notwendig. Die Zeitschrift *) Jerubbaal. Eine neue Zeitschrift der jüdischen Jugend. Herausgegeben und geleitet von Dr. Siegfried Bern fei d. Verlag R. Löwit. Das erste Heft erschien April 1918. gibt Freiheit zum Sprechen und Impulse zum Handeln. Sie will nicht literarisch bewertet werden, sondern als Exponent der neuen „Jugendbewegung", der sie dient. Der Herausgeber Siegfried Bernfeld, der Führer der jüdischen Jugendbewegung in Österreich, zeichnet im einleitenden Aufsatz in großen Umrissen Zweck und Aufgabe der Zeitschrift; nach den vorliegenden Heften kann man schon erkennen, daß sie gehalten hat, was versprochen war. Sie ist keine Jugendzeitschrift im üblichen Sinn, nicht zur „Unterhaltung und Belehrung". Nicht unberufene Lehrmeister sollen hier zur Jugend sprechen, sondern nur die Männer, die der Jugend ihr Bestes ernsthaft zu geben gewillt sind, deren Worte die Jugend als Wege zur Tat, als Führung wertet. Vor allem aber soll die Jugend selbst sprechen, im Bewußtsein ihrer Eigenart und in Auflehnung gegen die ihrem Wesen fremde Zweckwelt, die für die jüdische Jugend zu einem ungeheuerlichen Paradox sich steigert. Es kommt dabei weniger auf die Beziehung zu bestimmten Inhalten an, als vielmehr auf das Wie, auf die Reinheit der Beziehung überhaupt, auf die Unmittelbarkeit und die Bereitschaft. Abraham Schwadron unterscheidet einen „verstandesmäßigen" und einen „heroisch-fanatischen" Zionismus; und in einem hinreißenden Aufruf führt er Klage über die Präponderanz des ersteren, der die Freiheitsbewegung nicht wesenhaft werden läßt, denn nur die fanatisch-heroische Art, eine mit Zionismus von. Haus aus gar nichts zu tun habende Gemeinschaftsdisposition, kann Ideen in Bewegung umsetzen. Unsere Jugend muß alle Bedenken hinter sich werfen und jauchzend, ahnungsvoll, hinausziehen in unbekannte Weiten, wagemutig genug, um den Schritt in das noch nicht Dagewesene, in das Neue zu tun, ohne Bürgschaft und Sicherheit, nur aus fanatischem Wollen heraus. Das ist heiliger Frühling, ist Opfer der Jugend, ganze und ungeteilte Hingabe an die Idee. So taten bei uns wenige Einzelne, von der großen öffentlichen Welt fast unbemerkt, die „Bilu" und Chaluzim, die Arbeiter und Schomrim, die Namenlosen, die dem Werk dienen wollten, das allein der Jugend diese Schwungkraft zu geben vermag, der neuen jüdischen Gemeinschaft in Erez Israel. Denn nur die Realisierung des Grundgedankens des Zionismus, der Aufbau vom Grund aus, ist das Ziel dieser Jüngsten eines Volkes, dasden Leidensweg aller Halbheiten gegangen ist. Diese Bewegung wird immer bewußter und sucht tastend nach Formen, nach Konkretisierung; aus dieser geistigen Quelle muß ein breiter Strom