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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 339

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Jugend spricht
Date
1918-01-01
Page
339 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Jugend spricht Die Jugend, die jetzt spricht, ist nicht die Jugend, die wir vordem im Zionismus kannten. Immer hat die Jugend im Zionismus eine große Rolle gespielt, so daß ihr Einfluß beinahe überwucherte; aber in dem typischen Falle ereignete es sich, daß für den reifen Menschen, der ins Leben trat, die Beschäftigung seiner Studentenzeit vor wichtigeren Dingen zurücktreten mußte und schließlich ganz aufgegeben wurde. Die jüdische Sache war eben nur,,Beschäftigung" gewesen, wenn auch eine sehr bevorzugte, ausfüllende, der man mit Liebe und „Begeisterung" oblag und selbst Opfer brachte; so eine Art Studentenliebe, an die man später mit Wehmut und Sentimentalität aus dem bürgerlichen Leben zurückdenkt. Die heutige jüdische Jugend ist ein anderer Typus. Schon durch die äußern Ereignisse, die mit einem Schlage eine ganze Generation vom Schauplatz verschwinden ließen, in die Schützengräben entführten, wurde die Kontinuität unterbrochen. Es mußte erst wieder eine Generation heranwachsen und ihren geistigen Habitus ausprägen, der deutlich Spuren der Erlebnisse trägt, die über alle Menschen kamen. Dieses Geschlecht trat in eine andere Gedankenwelt, es wurde anders, durch unterschiedliche Gefühlsdynamj^c, bewegt und gebildet, es war von einer andersartigen Problematik erfüllt. Nicht mehr die Politik oder die „nationale Frage", nicht einmal die „Judenfrage" war das zentrale Problem dieser Jugend, sondern das Leben selbst, ihr eigenes Leben; das sie obendrein in ein unentwirrbares Chaos schmerzlichster Gebundenheiten verstrickt sah. Aus innerster Bedrängnis, aus Zweifel an der Gültigkeit der »anerkannten" Grundlagen der Welt, aus der Not des Glaubensuchenden, dem die fundamentalen Begriffe erschüttert werden, ringt die Jugend um eine neue Weltanschauung. Aber nicht nur aus Elementen der Kritik, sondern aus der vollen Wucht der bejahenden Leidenschaft, des ungestümen Tatwillens, aus dem Wunsche, Kampfgenosse des Guten gegen das Böse zu sein, einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen, entsteht dieses Streben. Das Jude-Sein wird, auf einer bestimmten Stufe, zur Selbstverständlichkeit; das Problem ist nicht mehr das Bekenntnis, sondern die Aktivierung. Denn die Jugend tegt an alles Tun Maßstäbe menschlicher Beurteilung; darum verwirft sie alle — etwa „politisch" noch belangvollen — Programme, die nicht wirklich lebensgestaltend und dadurch unverlierbar werden. Man kann nicht einen Blick in das Inferno der mit schönen Worten und Errungenschaften der Zivilisation übertünchten Verlogenheit und Armseligkeit tun, ohne daß, wenn das Herz noch jung und rein ist, der brünstige Wunsch nach Änderung der Welt entsteht. Und da alles Leben Gemeinschaft ist, so wird aus dieser Sehnsucht der Kitt einer werdenden Gemeinschaft, deren Bild allmählich in immer deutlicheren Konturen aus dem Nebel vor das geistige Auge tritt. Die Jugend geht also von ihren menschlichen Bedürfnissen aus und weiß, daß alles darauf ankommt, zusein, zu leben. Daher steht im Brennpunkt ihres Interesses nicht die Klärung theoretischer Fragen, überhaupt keine Wissenschaft, und auch nicht die Wirkung durch Kundgebungen, die agitatorische Geste. Den jungen Menschen bewegt nicht die Frage, ob die Juden eine Nation sind, ob sich das beweisen lasse, auch nicht der Wunsch, „Vereine" zu gründen und in ihnen ein Arbeitsfeld für die freie Zeit einiger Jahre zu finden. Ihm drängt sich alles Denken und Wollen zusammen in die brennende Frage: Wie soll ich leben? Und dazu tritt das Problem der Gemeinschaft, die er als Not und Fessel fühlt und doch als Liebe und Verbundenheit und gemeinsamen Geist erleben möchte. Gemeinschaft lebensvoll bejahen und doch das eigene Ich bewahren und alle Verpflichtung individueller Entwicklung empfinden; Gemeinschaft nicht als Unterdrückung, sondern als Steigerung der Persönlichkeit. Das aber ist keine Angelegenheit der Parteiarbeit mehr. Der junge Mensch hat eine andere Grundeinsteilung zur Idee. Er weiß, daß der Unterschied von Menschen 'nicht klar wird, wenn man von „Zionisten" und „Assimilanten" spricht, daß überhaupt derartige Charakteristik dem Wesen der Menschen nicht gerecht wird. Vielmehr scheidet er die Menschen unter dem Aspekt, welcher höchste Wert für sie gilt und in ihrem Leben wirksam ist Alles Tun und Leben hat Sinn und Bedeutung nur durch die Bezogenheit auf einen Wert, der bestimmt, wie jede Tat sein soll. Es kommt darauf an, daß die Idee, jenes Urbild, der Ausgangspunkt und Zielpunkt ist, die bewegende Macht im Leben wird. Die Idee ist die Rettung des jungen Menschen, der die Entartung der Wirklichkeit, der empirischen Welt, erkannt hat.

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