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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 341

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Jugend spricht
Date
1918-01-01
Page
341 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen 341 werden, der alles Leben und Handeln der Jugend umgestaltet, ins persönliche Leben des Einzelnen umstürzend eingreift, Vorstufen der Erfüllung schafft. Als solche Symptome sind die Stimmen der Selbstbesinnung, der Kritik zu verstehen, die in diesen Heften laut werden; hier werden Ansätze bemerkbar für die Gestaltung einer eigenen Welt Der Widerspruch richtet sich auch gegen die, welche das Wort von der Erneuerung des Judentums im Munde führen, sich Zionisten nennen, und doch ungestört und unangefochten unter diesem neuen Namen das alte Leben führen. Gegen diese Selbstgerechtigkeit, der „Volk ein Deckmantel für alle menschliche Unzulänglichkeit" ist, empört sich jugendliches Empfinden. „Die Erneuerung unseres Volkes, will sie mehr.sein als eine Reformation, ... muß das Werk einer Jugend sein, die den Sinn für Gerechtigkeit und Schönheit und die Kraft zur unbedingten Tat nicht durch das Leben im bürgerlichen Alltag verloren hat. . — unter diesem Aspekt will Siegfried Lehmann durch ganz konkretes Wirken die neue Jugendgemeinschaft aufrichten. Bernfeld legt den Entwurf für die Organisation eines Jugendbundes vor. Vor allem aber muß die soziale Funktion des Einzelnen, der Beruf, auf den der junge Mensch sich vorbereitet, nach diesen Gesichtspunkten gewählt werden; man darf nicht gerade in diesem wichtigsten und entscheidenden Punkte der traditionellen, von wirtschaftlichen Trieben beherrschten Zweckwelt sich unterordnen. Der Wille zur sozialen Gerechtigkeit muß aus dem Stadium akademischer Liebhaberei ins organische gesellschaftliche Leben eintreten; und ebenso muß das mechanische Verhältnis des einzelnen zum Volke in ein organisches Zusammengehören verwandelt werden. Der schmerzliche Bruch, derzwischen der real wirkenden fremden Umwelt und dem jüdischen Bewußtsein besteht, muß durch eine Umschichtung des Bewußtseins, der seelischen Einstellung zum Volk, überwunden werden. Zu diesem wichtigsten Prozeß des Seelenlebens ist Martin Bub er der Führer; er zeigt in gütiger, liebevoll eingehender Rede seinem Knaben den Weg, wie er das verborgene Grunderlebnis der Gemeinschaft mit dem Volk zu der befreienden Macht seines Lebens wachsen lassen muß. Jüdische Geschichte, Hebräisch, und all die unzählige Male propagierten Heilmittel können sich nur bewähren, wenn gleichzeitig das „Draußen" zu einem „Drinnen" gemacht, alles Äußer- ^ehe, Künstliche, Mechanische durch das leidenschaftliche* Ergreifen der Seele, durch den Griff ins Innere zu einem Teil des eigenen Lebens und Schaffens gemacht wird. Alle Herrlichkeit, aber auch alle Schmach des Volkes auf sich nehmen, sodann mit vollem Bewußtsein der Verantwortung sich für das künftige Leben entsc heiden: das ist „jüdisch leben". Es ist zu erwarten, daß in den folgenden Heften der Zeitschrift nun auch Gelegenheit sein wird, im einzelnen diesen Weg zu gehn; die Inhalte und Werke des historischen jüdischen Geistes, die Tatsachen der jüdischen Gegenwart, mit dem ungestümen Entfaltungsdrang der jugendlichen Gemeinschaften zu einer inneren Wirklichkeit zu machen, zu einem „Drinnen", das morgen ein „Draußen" sein soll. Robert Weltsch Der Jude Schildkraut Ich habe unlängst Gelegenheit gehabt, Rudolf Schildkraut mehrere Mal hintereinander als Shylock zu sehen, und ich glaube, daß dies ein Erlebnis ist, über das es sich gerade an dieser Stelle Rechenschaft abzulegen geziemt. Dabei will ich durchaus nicht behaupten, daß Schildkraut der großartigste und beste oder der richtigste Shylock sei, den man vorstellen kann, oder auch nur den ich gesehen habe. Der „richtigste" schon deshalb nicht, weil es den gar nicht gibt, weil die Schöpfung eines großen Dichters ungefähr so viel Interpretationsmöglichkeiten zuläßt, wie die Schöpfung Gottes, nämlich unzählige — nämlich so viele, als nachschöpferische Betrachter geboren werden. Die „Richtigkeit" muß jeder schauspielerischen Leistung, wie jeder Weltanschauung immanent sein, muß durch die Harmonie ihrer Teile, nicht durch Bezug auf irgend ein objektives Draußen bewiesen werden. Also Schildkrauts Shylock ist nicht richtiger und besser als all die bedeutenden Shylocks, die je gespielt worden sind und noch gespielt werden. Von denen, die ich kenne, übertrifft . ihn zum mindesten Max Pohl an elementarer Kraft und Größe. Aber Rudolf Schildkraut ist jüdischer als alle! Das will freilich in einem bestimmten, sorgsam abgegrenzten Sinne verstanden sein. Auch was etwa Max Pohl und der sehr bedeutende Emanuel Reicher in dieser jüdischen Erzrolle — der ersten und der letzten, die von einem Dramatiker allerersten Ranges geschaffen ist ■— leisten, auch das ist natürlich nicht ohne ihr Judentum zu erklären. Aber das Jüdische tritt in Europa in sehr verschiedenen Mischungsverhältnissen, in sehr verschiedenen Graden der Reinheit auf. (Ich persönlich verbinde mit dieser „Reinheit" übrigens noch durchaus kein Werturteil, sondern gebrauche das Wort nur objektiv konstatierend.)

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