Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die goldene Kette
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 336 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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336 Rafael Seligmann: Die goldene Kette Der letzte Aufzug ist bei all seiner Kürze, wie gesagt, reich an packenden Momenten. In rein psychologischer Hinsicht jedoch ist er nicht ganz einwandfrei* Manches darin ist verschwommen und unklar, manches wiederum allzu akzentuiert. So ist die seelische Wandlung des Rabbi Mose, der Übergang von restloser Glaubensfreudigkeit zur völligen Entmutigung nicht überzeugend dargestellt Der Rabbi erklärt, daß er mitten in seiner Verzückung plötzlich den Zuruf „Schwindler" vernommen habe, und fügt hinzu, er sei im Ungewissen darüber, woher der Zuruf gekommen ist, von irgend einem Anwesenden, von Leah oder auch aus seinem eigenen Inneren. Aber für das Verständnis der seelischen Verfassung des-Rabbi ist es ganz und gar nicht gleichgültig, woher der Ruf gekommen ist. Wenn der Zuruf irgendwo von der Seite her ertönte, so war es bloß ein unangenehmer und störender Zwischenfall, der auf den seelischen Zustand des Rabbi zwar lähmend wirken konnte, der aber im übrigen keine Schlüsse auf seine geistige Konstellation erlaubt: sein Wunderglaube konnte noch so gefestigt in sich, seine Ekstase noch so aufrichtig und ganz sein, und dabei doch durch einen zynischen Zuruf eine momentane peinliche Erschütterung erfahren haben. In einem ganz anderen Lichte hingegen stellt sich uns die Sachlage dar, wenn der Zuruf „Schwindler" im eigenen Innern des Rabbi erfolgte. Dann ist es ein Zeichen dafür, daß er von vornherein nicht ganz intakt, daß sein Glaube an das Wunder schon in der Wurzel angefressen war, und daß seine Hingebung schon im Ansätze bedenkliche Schwächen in sich barg. Unklar ist auch die Haltung seines Sohnes Jonatan. Dieser steht die ganze Zeit, während des Gebetes des Rabbi, geduldig da, und harrt gläubig des Wunders, das kommen soll. Als aber dieses nicht eintreffen will, stellt er sich plötzlich in die Mitte zwischen den Rabbi und den Oron- Kodesch mit der Mahnung, daß man Gott nicht prüfen dürfe. Man weiß nicht recht, was man sich dabei denken soll. Glaubt Jonatan wirklich daran, daß Gott ob der Zudringlichkeit des Rabbi zürnt und daher kein Zeichen von sich geben will, oder ist es bloß ein plötzlicher Einfall, um das Peinliche der Situation zu überwinden und das Ansehen des Zaddiks zu retten? Etwas übertrieben und allzu pointiert hingegen finden wir die Episode mit dem blindgeborenen Kinde Leahs. Die „Blindheit" des Kindes bei einer Mutter, die nach „Licht" strebte, erscheint mir als ein zu greller Effekt. Die Gestalt der Leah ist im übrigen von einer Meisterhand gemeißelt. Die absolute Hingebungsfreudigkeit, die Leah früher in bezug auf die „Aufklärung" bekundete, tritt jetzt in bezug. auf Frömmigkeit und Wunderglauben zutage. Der Gegenstand der Anbetung hat gewechselt, aber die Seele ist dieselbe geblieben. Es ist dies die Seele des Weibes, die bedingungslose Unterwerfung, der Gang nach Canossa. Überblicken wir nun das Ganze, so dürfen wir sagen, daß wir es hier mit einem starken dramatischen Versuch zu tun haben. Es ist dies ein Versuch, den seelischen Kampf eines religiösen Gemüts zu schildern, das um das Fleischwerden des Wunderglaubens ringt. Die Sehnsucht nach einer Inkarnation des Wunderglaubens erwacht in der Seele des Glaubenden gerade in glaubensschwachen Zeiten, wo nur das Handgreifliche vorherrscht und entscheidet. Da mag sich im gläubigen Gemüt das Verlangen regen, einmal den Gegenstand des Glaubens verkörpert zu sehen. In glaubensstarken Zeiten dagegen, wo das Imponderable und Unbewußte ohnehin die Rolle eines realen Faktors im Leben spielt, wird sich eine derartige Sehnsucht weniger zu erkennen geben. Dieses seelische Drama hat Perez zu