Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die goldene Kette
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 329 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die goldene Kette 329 die Seele der Welt — die Schechinah klagt — und es weint und trauert und zuckt im eigenen Blute das Herz der Welt! Erlöst von Qual und Grauen muß werden die Welt! Ich mache die Hawdalah nicht! Erlöst muß werden die Welt! Umstehende (erschreckt): Wie, Rabbi, wie? Salomo: Sabbat soll sein! Sabbat! Nicht gepflügt und nicht gesät nicht gebaut und nicht verbessert, kein Handel, kein Wandel. Ein armer Chassid: Zugrunde gehen soll die Welt? Salomo: Zugrunde gehen soll die Welt! Und wir — wir sabbatlichen wir festtaglichen wir seelengesteigerten Juden werden über ihren Trümmern wandeln!*) Der Zaddik gerät in eine ekstatisch-visionäre Stimmung. Die Greise beginnen einen Tanz und Miriam schließt sich ihm in stiller Verzückung an. Mit einem Male erscheint der Gabbe**) Israel und ruft den Versammelten „Gute Woche" zu, was zugleich den Ausgang des Sabbats ankündigen soll. Der Zauber schwindet. Rabbi Salomo fragt, wer sich erdreistete, der souveränen Gewalt des Zaddiks die Stirne zu bieten. Er erfährt, daß es auf Geheiß seines Sohnes Pinchas geschehen ist. Alle überkommt eine tiefe Bestürzung. Der Aufzug endet mit dem Erscheinen des Rabbi Pinchas und dem Tode des Rabbi Salomo. Die Reden Rabbi Salomos, wie überhaupt der zweite Teil des ersten Aufzuges gehören zu den stärksten Inspirationen unseres Dichters. Die Gestalt des Zaddiks erhebt sich an manchen Stellen bis zur Größe des Ibsenschen Brand, dem er in gewissen Zügen verwandt zu sein scheint. Rabbi Salomo erscheint hier in einer für das traditionelle Judentum ganz ungewöhnlichen Rolle, die nur aus der Ideenwelt des Chassidismus einigermaßen begriffen werden kann. Die Weigerung des Rabbi, das Hawdalahgebet zu verrichten, bedeutet einen Bruch mit der ganzen traditionellen jüdischen Anschauung, denn die Versabbatlichung der Wochentage *st logischerweise mit einer Verwöchentlichung des Sabbats gleichbedeutend. Wer die Werkeltage heiligt, profaniert gewissermaßen die ganze Weihe des Sabbattegs. In noch schrofferem Widerspruch zu dem ganzen Geiste des; Judentums steht der Entschluß des Rabbi, den Sabbat um den Preis der Zerstörung der Welt ins Unendliche zu verlängern. Das Judentum birgt in sich keine welt- *) Sämtliche imAufsatze angeführten Zitate sind vom Verfasser des Aufsatzes übersetzt. **) Vertrauensmann des Zaddiks. Heft 7, 25