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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 328

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Die goldene Kette
Date
1918-01-01
Page
328 (sequence 6)
Language
German
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328 Rafael Seligmann: Äußerungen und bedeutungslosen Aussagen wächst unversehens ein ernster und bedeutsamer Inhalt hervor. Es zeigt sich, daß die schlichten Worte der handelnden Personen unendlich mehr als das durch sie Gesagte und ursprünglich Gemeinte in sich enthalten, daß die handelnde Person in ihre harmlosen Bemerkungen vieles hineinlegt, dessen Bedeutung sie nur in den Tiefen ihres Unterbewußtseins dunkel empfinden mag. Nicht so verfährt unser Dichter. Hier wird alles mit dicken Farben aufgetragen. Die allerhand bösen Ahnungen, von denen die greisen Chassidim beschlichen werden, finden prägnanten Ausdruck in klar geformten Worten. Das Vorgefühl einer herannahenden Katastrophe, das in dieser winterlichen Abenddämmerung herumschwebt, verkörpert sich in scharf umrissenen Weissagungen. Auch hier wird andeutungsweise gesprochen, aber nur, weil es nun einmal die Art der Chassidim und Juden überhaupt ist, in Andeutungen zu sprechen. Die Mitteilungen, die sich die Chassidim gegenseitig machen, sind kraß und wenig geeignet, die Nerven des Lesers zu schonen. Da ist ein Dörfling, den man aus seiner Mühle verjagt hat, und der, des Rates des Zaddiks gewärtig, sich vorderhand im Freien, in Schnee und Frost mit Weib und Kind aufhalten muß; da ist eine Gebärerin, die in Geburtswehen liegt und an den vielbeschäftigten Zaddik nicht herankommen kann; da ist manches andere, was eine drückende Atmosphäre schafft. Die auftretenden Personen sind mit Meisterhand geschildert, und jede ihrer Äußerungen, jede ihrer Gesten ist voller Leben und Bewegung*). Einen ganz anderen Eindruck macht die plötzlich erscheinende Miriam, deren Name von den Chassidim in ihren Gesprächen mit verhaltener Zärtlichkeit genannt wurde. Die Gestalt der Miriam ist vom Dichter mit ganz besonderer Liebe gezeichnet. Es ist eine vornehmlich symbolische Erscheinung, eine Art Verkörperung der trauernden Schechinah, die in den chassidischen Traditionen eine hervorragende Stellung einnimmt. Seltsamerweise vermeidet es der Dichter, ihre Gesichtszüge zu schildern und beschränkt sich auf die kurze Beschreibung ihrer Kleidung und ihres Ganges. Es ist dies eine traumhafte Gestalt, die sich in Visionen und Verzückungen auslebt. Ihr Auftreten wirkt im allgemeinen beruhigend, aber auch sie ergeht sich in trostlosen Prophezeiungen. Auf der Bühne erscheint der greise Rabbi Salomo. Der Zaddik wendet sich an die Versammelten mit der feierlichen Erklärung, er werde die Hawdalah**) nicht verrichten, er wolle den Sabbat ins Unbestimmte verlängern, damit die dem Fegefeuer geweihen Seelen, die einer jüdischen Trodition zufolge während der Dauer des Sabbats von der Strafe befreit werden, aber an dessen Ausgang in die Hölle zurückkehren müssen, ihre Ruhe weiterhin ungehindert genießen dürfen, da nunmehr die gesamte Kreatur erlöst werden müsse. Salomo: Und hier zwischen Tod und Leben wankt eine Welt! Eine Welt versinkt in Trauer, eine Welt! In Dunkel gehüllt *) Die im Verlage von Löwit erschienene Übersetzung gibt den Eindruck nicht hinreichend wieder. **) Kurzes Gebet am Ausgange des Sabbats, worin die Trennungslinie zwischen Sabbat und Werkeltag besonders unterstrichen wird, eigentlich Gebet der Scheidung.

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