Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die goldene Kette
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 326 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Rafael Seligmann: vorbei, und die Gnosis ihrerseits verfeindete sich immer mehr mit den jüdischen Lehren und Traditionen. Der Erbe des Pharisäertums, der Rabbinismus, lebte ganz in den überlieferten Anschauungen und wies in der Lehre von der Erlösung keinen merklichen Fortschritt auf. Die Einzelseele bleibt ganz an die Schicksale der Gesamtheit gebunden. Die Frage der Erlösung, wie sie vom Rabbinismus behandelt wurde, wäre also im rudimentären Zustande geblieben, wenn nicht neben ihm die kabbalistischen Lehren die ganze Zeit hindurch von einzelnen Geistern im stillen gepflegt worden und in gewissen Perioden der jüdischen kulturellen Entwicklung zum Durchbruch gelangt wären. Die Kabbala, die ungefähr im zweiten nachchristlichen Jahrhundert entstand, trägt einerseits den gnostischen Ursprung deutlich an der Stirn und weicht anderseits von den gnostischen Grunddogmen erheblich ab. Gnostisch ist die Kabbala, insofern sie das göttliche Prinzip als solches von seinen Äußerungen und Offenbarungen möglichst scharf zu trennen sucht, und insofern sie ganz im Geiste der Gnosis eifrig bemüht ist, eine Stufenleiter der Schöpfung herzustellen, und die geschaffenen materiellen Dinge, alles, was in das Gebiet des Olam ha-Assijah fällt, durch eine lange Reihe von Vermittlungen vom schaffenden Urquell möglichst abzurücken. Antignostisch ist die Kabbala, insofern sie die unabhängige Existenz eines bösen Geistes neben der Gottheit nicht anerkennen will und die Schöpfung streng monistisch denkt, als von dem einen göttlichen Prinzip ganz durchdrungen. Es ist dies der wunde Punkt in den Lehren der Kabbala. Gleich allen anderen streng monistischen Lehren ist sie vollständig unfähig,* das Übel in der Welt auf eine konkrete handgreifliche Weise zu erklären. Gleich allen anderen monistischen Lehren ist ihr das Übel nicht wesentlich, sondern graduell vom Guten verschieden. Der Ursprung des Übels liege nicht in einem besonderen Prinzip, was mit einer monistischen Auffassung nicht vereinbar wäre, sondern bloß in einer Beschränkung, einem Mangel an Vollkommenheit, das Übel bedeute nichts Positives, sondern nur ein Abnehmen oder auch das Ausbleiben des Guten. Derartige Erklärungen laufen unseres Ermessens auf eine reine Wortklauberei hinaus: man kann das Dunkel als ein Abnehmen oder Fehlen des Lichtes auffassen und deuten und nichtsdestoweniger ist das Dunkel ein ganz positiver Inhalt für den empfindenden Organismus; es muß also in meinem Organismus einen besonderen Grund, ein besonderes Prinzip geben, kraft dessen ich das Fehlen des Lichtes als Dunkel und das des Guten als Übel empfinde. Aber die Kabbala hat auch eine andere Seite, die einen gewaltigen Fortschritt gegenüber dem offiziellen Judentum bedeutet. Sie hat das Prinzip des Individuellen zu einem der Bausteine ihres Systems gemacht, denn die Welt der Schöpfung (Olam ha-B'riah), die nach der Auffassung der Kabbala zehn Urformen der geschaffenen oder zu schaffenden Dinge enthält, birgt in sich unter anderen eine besondere Potenz des Individuellen. Die Kabbala hat außerdem den seelischen Kräften, die sie im Einklang mit Plotin unmittelbar aus dem höchsten Prinzip abgeleitet wissen will, eine mitwirkende Rolle im Rate der Natur zugewiesen und beispielsweise dem Gebete eine den Gang der Naturereignisse beeinflussende Bedeutung beigemessen. Das offizielle Judentum denkt anders darüber: das Gebet an sich ist machtlos; es vermag nur dann etwas auszurichten, wenn es der Gottheit beliebt es anzuhören. In ihrem weiteren Verlauf hat die Kabbala andere Konsequenzen von unschätzbarem dichterischem Werte gezeitigt, die später im Chassidismus lebendigen Ausdruck finden