Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die goldene Kette
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 325 (sequence 3)
- Language
- German
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Die goldene Kette 325 in der Tat waren die Pharisäer zu diesen großen Zugeständnissen an die Einzelperson teilweise nur durch den Gang der Ereignisse und die gesamte psychische Atmosphäre ihrer Zeit gezwungen. Es war dies eine Zeit, wo das Individuum sich mächtig zu regen begann. Die spätgriechische Philosophie hat in dieser Richtung kräftig vorgearbeitet und in der jüdischen Volksseele einen starken und nachhaltigen Widerhall gefunden. Den Gedanken der Absolutheit der menschlichen Seele beginnt der jüdische Geist mit einer wunderbaren Energie zu erfassen. Das Bedürfnis nach Erlösung aus rein natürlicher und nicht nur nationaler Not bricht mit elementarer Wucht hervor und findet beredten Ausdruck in drei verschiedenen Richtungen des Gemüts: der Erlösung aus der seelischen Not in den Psalmen, der Erlösung aus der sittlichen Not im Buche Hiob, und der Erlösung aus der geistigen Not im feuche Kohelet. Noch tiefer gruben die apokalyptischen Schriften^ die zur Zeit der Pharisäer in Blüte standen und weit verbreitet waren. In den Schriften der jüdischen Apokalyptik werden bereits Versuche gemacht, dem traditionellen Gedanken der nationalen Erlösung eine rein individuelle Prägung zu geben: der erhoffte Messias sei nicht nur als Erlöser der Nation, sondern in erster Linie als Erlöser der Einzelseele zu denken. Es dämmerte dort zuerst der Gedanke auf, die gesamte Schöpfung, die gesamte Kreatürlichkeit sei in die Netze eines bösen Geistes verstrickt, und da kann eine einzige Nation wahrhaft nicht mehr diese ausschlaggebende Bedeutung besitzen. Übrigens sind manche Vorahnungen derartiger Gedankengänge bereits im Buche Hiob zu verspüren, das gewiß von parsischen Einflüssen nicht frei ist. Aber alle diese Seitenwege, die sich von der großen Landstraße des sogenannten offiziellen Judentums abzweigten, mußten allmählich aus dem Blickpunkte des jüdischen Volkes verschwinden, das ganz im Banne der vom Pharisäertum approbierten Ideen lebte und dessen geistige Entwicklung von rein nationalen Traditionen bestimmt wurde. Das Pharisäertum hat das Individuelle und dessen Eigenwert keineswegs verkannt, aber es kannte auch, wie bereits hervorgehoben, kein reines, ganz auf sich selber gestelltes Fürsichsein. Was die jüdische Apokalyptik anbetrifft, so mündete sie schließlich in die Lehren der Gnosis aus, deren erste Vertreter noch Anlehnung an die Gedankenwelt des Judentums suchten, und als deren Vorläufer der Alexandriner Philo nicht mit Unrecht genannt wird. Die jüdische Gnosis bedeutet zweifellos einen philosophischen Fortschritt gegenüber der ursprünglichen Auffassung des Judentums. Sie hat in die dem Judentum zugrunde liegende dualistische Anschauung — die Teilung der Schöpfung in einen schaffenden Geist und eine geschaffene Natur — eine bedeutsame Vertiefung hineingetragen. Die geschaffene Natur ist dem ursprünglichen Judentum zufolge .ein indifferentes, an sich weder gutes noch böses Prinzip, die neben Gott bestehende Welt ist nach der ursprünglichen Auffassung des Judentums in moralischer Hinsicht vollständig neutral. Die Gnosis hingegen wollte durchaus in der neben Gott bestehenden Welt auch ein autonomes böses Prinzip enthalten wissen. Gott also befinde sich einem selbständigen bösen Geist gegenüber, der die göttlichen Absichten fortwährend zu durchkreuzen suche. Die Frage der Erlösung erfährt dadurch natürlich eine ungewöhnliche Zuspitzung und Verschärfung. Waltet in der Welt eine böse Macht, so ist die Angst der Einzelseele um so größer, ihr Bedürfnis nach Schutz und Rettung um so dringender. Aber dies alles sind Probleme, die aus unserem Zusammenhange herausfallen. Denn das Judentum ging an der Gnosis achtlos