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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 324

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Die goldene Kette
Date
1918-01-01
Page
324 (sequence 2)
Language
German
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324 Rafael Seligmann: danken vollen Ernst zu machen. Zuerst galt es, all jene literarischen Eitelkeiten abzulegen, die in unserer Zeit des Marktes und der Reklame auch den wirklich Schaffenden umgarnen und seinen Blick für das Echte notwendig trüben. Er mußte zuerst in jenes Stadium des Gemütslebens eintreten, wo der Schaffende sich nicht mehr mit seinen Nebenmenschen vergleicht und seine etwaige Überlegenheit in diesem oder jenem Punkte sich als hohes Verdienst anrechnet, sondern wo er seine Geisteskräfte an den zu lösenden Problemen des Daseins mißt, seiner Ohnmacht gewahr wird und nun zum ersten Male wirklich Bescheidenheit lernt. Und so erging es auch unserem Dichter. Der dramatische Versuch, von dem wir reden, bildet das Produkt eines späten, an Erfahrungen aller Art reichen Schaffens und trägt das Gepräge eines ernsten schmerzlichen Suchens. Die Welt muß erlöst werden — das ist der Grundton des ganzen Werkes, und ganz im Sinne seiner früheren Arbeiten sucht der Dichter das Erlösungsproblem an die Traditionen des jüdischen Volkstums zu knüpfen. Er suchte und fand — und trotzdem hatte das Judentum in seinen großen historischen Schichtungen nicht das Zeug dazu, der suchenden Seele des Dichters volle Befriedigung zu gewähren. In der Geisteswelt des Judentums hat der Gedanke der Erlösung in dieser oder jener Gestalt mehr als einmal eine hervorragende Rolle gespielt. In der Form des Messiasglaubens ist er sogar zu einem der Grunddogmen jüdischer Religiosität geworden. Und doch hat das Judentum, sofern man von seinen Nebenzweigen absieht, den Gedanken der Erlösung nie an seiner Wurzel erfaßt, an jener lebendigen seelischen Wurzel, die in dem Boden des Individuellen verankert ist. Das Judentum wollte fast immer diesen Gedanken der Erlösung im engen Anschluß an die Gesamtheit der Nation oder meinetwegen der Menschheit verstanden wissen, es hat aber in den großen Linien seiner Ideenentwicklung die leidende Einzelseele fast niemals in den Mittelpunkt der Betrachtung gestellt Daß die Propheten im allgemeinen für die Schicksale der Einzelseele ein nur geringes Interesse bekunden, ist vielleicht aus dem Geiste der gesamten Antike leicht zu erklären, wiewohl doch anderseits schon der griechische Dionysoskult ein gewisses Verständnis für die ganze Tragweite der rein individuellen Sehnsucht und der rein individuellen Not verrät. Aber auch die Pharisäer, die hinter sich die an Erfahrungen so reiche Periode des babylonischen Exils hatten, maßen der Einzelperson keineswegs die ihr gebührende Bedeutung bei. Im Gegensatz zu den Propheten, die fast immer nur die Nation oder auch die Menschheit als Ganzes im Auge hatten, wenden schon die Pharisäer der Einzelperson und ihren Forderungen ein recht intensives Interesse zu, aber nur insofern und solange sie im ganzen System, im System des Judentums, eine bestimmte Stelle einnimmt, insofern und solange sie eine feste und eindeutige Beziehung zum zentralen Punkt der jüdischen Geistigkeit bewährt, oder, etwas einfacher ausgedrückt, insofern und solange sie aus dem Rahmen des Judentums nicht herausfällt. Während die Erlösung der Einzelseele bei den Propheten fast gar nicht in Frage kam, haben bereits die Pharisäer den Forderungen der Einzelperson vollauf Rechnung getragen und ihr eine rein individuelle Erlösung auf dem Wege der Unsterblichkeit und Auferstehung in Aussicht gestellt — aber dies alles nur insofern und solange sie innerhalb der vom Judentum gezogenen Grenzen verweilt. Auch hier wird die Einzelperson nicht als Selbstwert, auch hier wird sie ganz und gar von der Zugehörigkeit zum Ganzen der Nation bestimmt. Und

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