Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 322 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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322 Leo Rosenberg: Vom ostjüdischen Hände! Erwägungen der Berufsumschichtungsmöglichkeiten in bezug auf den Übergang des Kleinhandelselements zum Großhandel hier ausführlich einzugehen, hätte in diesem Moment, angesichts der von Grund aus gewandelten politischen und wirtschaftlichen Situation, wenig Sinn. Von einer Erörterung der objektiven Gegenmomente absehend, können wir nicht umhin, im Zusammenhang mit den obigen Darlegungen auf den in der gleichen Richtung wirkenden gewichtigen Umstand rein subjektiver und sozial-kultureller Natur hinzudeuten: die unüberbrückbare soziale und kulturelle Kluft zwischen dem Klein- und dem Großhandel, dem Klein- und dem Großbürgertum. Der Kleinhandel ist jüdisch, der Großhandel ist es nicht mehr. (Das Kleinbürgertum bildet das Haupt- und Kernstück des ostjüdischen Volkstums, den bewußten Träger der nationalen Ideale und der jüdischen Volkskultur, das Großbürgertum ist bis auf die Knochen russifiziert und wenn auch nicht immer der Gesinnung nach, so doch tatsächlich Träger der Assimilationstendenz). Die Geschäftssprache des Kleinhandels ist, abgesehen von den im Verkehr mit der nichtjüdischen Kundschaft angewandten fremdsprachlichen Brocken, durchweg jüdisch und (in Schrift) hebräisch, des Großhandels — durchweg russisch. Der jüdische Kleinbürger ist seiner ganzen Erziehung und Ausbildung nach ganz auf das jüdische Geschäfts- und Kulturmilieu angewiesen. Klein- und Großhandel, Klein- und Großbürgertum bilden im Ostjudentum zwei voneinander unheilbar getrennte sozialkulturelle Kreise, zwei einander fremde Welten. Man begreift, daß der Übergang zum Großhandel im jüdischen Osten, von den mangelnden Vorbedingungen rein sachlicher Natur abgesehen, eine elementare geistig-kulturelle und soziale Umwertung und Wandlung zur Voraussetzung hat. Hiermit ist der Kreis unserer Betrachtungen über den ostjüdischen Handel abgeschlossen. Auf den großen und entwicklungsreichen Zeitabschnitt ostjüdischer Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit sich beziehend, wollen diese Darlegungen beim gewaltigsten und elementarsten aller historischen Wendepunkte, diesem Weltkriege, der auch für das jüdische Volk eine neue Phase materieller und geistiger zuführen. Einzelne Gouvernements (Grodno, Minsk, Poltawa, Beßarabien und Jekaterinoslaw) weisen bloß einen absoluten, keinen relativen (im Verhältnis zur allgemeinen Bevölkerungsvermehrung) Zuwachs des jüdischen Handwerkerstandes, das Gouvernement Wilna einen Rückgang dieser Zahl um 7% auf. Deutet die erste Erscheinung auf einen steigenden Übergang zum Handwerk im genannten Jahrzehnt, so ist die letzterwähnte Tatsache einer Reduzierung der Handwerkerzahl keineswegs — wie es der Bearbeiter der JCAschen MaterialiensEmmlung annimmt — bloß auf die Auswanderung, sondern in nicht unerheblichem Maße auf eine Berufsumschichtung zurückzuführen. In Ermangelung statistischer Anhaltspunkte läßt sich die Art der neuen Berufstätigkeit nicht ermitteln. Indessen darf es für wahrscheinlich gelten, daß in den Gouvernements Grodno und Minsk ein Übergang des Handwerkerelements zur Fabrikarbeit, in den Südgouvernements zum Kleinhandel und Tagelöhnertum erfolgt ist. Daß die JCAsche Begründung des Rückganges der Handwerkerzahl in den genannten Gouvernements um 1887—1898 nicht zutrifft, erhellt schon daraus, daß bis auf 1898 die Gouvernements Poltawa, Beßarabien und Jekaterinoslaw überhaupt keine Auswanderung, sondern vielmehr eine Zuwanderung aus Litauen und Polen aufweisen. Die jüdische Bevölkerung dieser drei einen Rückgang des Handwerkerstandes aufweisenden Gouvernements hat 1887-—1898 e*ne bedeutende Vermehrung erfahren (Beßarabiens um 34°'0l Poltawas 32% und Jekaterinoslaws sogar um ii3°/0). Hingegen erfuhr in Gouvernements mit starker Auswanderung die jüdische Handwerkerzahl eine Vermehrung (so beispielsweise wies die jüdische Bevölkerungsziffer des Gouvernements Kowno einen Rückgang um 21%, die Handwerkerzahl eine Steigerung um 3,4%).