Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 321 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom ostjüdischen Handel 321 Wanderung bedeutet für ihn Entwurzelung, Entwürdigung, Deklassierung und Degradierung, den Verlust alles dessen, was dem Leben überhaupt Sinn und Inhalt gibt. Dazu gesellt sich ein ausgeprägt ökonomisches Moment gewichtiger Art. Im Gegensatz zum Handwerker bedeutet für den Kaufmann die Auswanderung zugleich den Berufs- und Standeswechsel. Ohne Kenntnis der Landessprache, ohne Geschäftskapital und Beziehungen, wird unser würdiger Baal-habajit, sobald er den Boden der neuen Welt betreten hat, vor zwei Möglichkeiten gestellt: Hausierer — der landesübliche „Pedler" — oder Shop-Arbeiter zu werden. Dem ersten Ausweg würde er das Fegefeuer vorziehen. Bevor er sich mit dem Strick an den Pedlerkarren schnallt, wird er wohl versuchen, von diesem Strick einen ihm würdiger dünkenden Gebrauch zu machen. So wird Reb Oscher nach einem wahrhaft tragischen Gewissenskampf — es gilt die Preisgabe des Sabbats! — in dem „Shop" landen, wo er gleich den tausenden und abertausenden seiner Volksgenossen wohl sein Leben lang oder doch so lange Knöpfe und Knopflöcher nähen wird, bis er als „store-keeper" wieder in seinem Element ist. Ist ihm das Schicksal besonders freundlich, so wird er hier manchen, ehemals, ach! so geringgeachteten Baal-melocho oder gar „Pejel" seines Städtchens wiederfinden, womöglich seinen ehemaligen Hausdiener als seinen jetzigen Vorarbeiter und Meister. Es geschieht dies häufig genug, und Schalom Asch verläßt den Boden der Wirklichkeit nicht, wenn er dieser menschlichen Tragik in seinen Amerika-Novellen ergreifenden Ausdruck verleiht. (Man lese: „Lejbel in derheim, Lejbel in Amerike"!) Die Aussicht auf diesen neuen Beruf reicht schon allein aus, um unserm Baal-habajit jeden Gedanken an Auswanderung zu nehmen. Da ist denn alles häusliche Elend tausendmal verlockender; er bleibt in seinem Städtchen. Anders freilich die Jugend dieses Standes. Diese ist nicht mehr so schwerbeweglich und „untransportabel". Sie braucht die Entwurzelung nicht zu fürchten, denn sie hat noch keine Wurzel geschlagen, ebensowenig den Berufs- und Standeswechsel, denn sie hat sich noch gar keinem Beruf zugewandt und sich die volle Illusionsfähigkeit bewahrt. Bevor sie in der angestammten Moderluft bei lebendigem Leibe verwest, tut sie frohen Mutes den gewagten Sprung in den amerikanischen Schmelztopf . . . Faßt man die lebendige Wirklichkeit und nicht abstrakte „Möglichkeiten" ins Auge, so weiß man, was man von den Bestrebungen und Bemühungeri in der Richtung einer „Berufsumschichtung" zu erwarten hat. Insofern man damit die Überführung des überschüssigen Handelselements ins Handwerk anstrebt, braucht die Aussichtslosigkeit des Unternehmens, nach den vorgegangenen Darlegungen, nicht besonders erhärtet zu werden. Unter Verkennung des — gerade im östlichen Lebenskreise so dominierenden — sozialpsychischen Moments entstanden, sind alle Bestrebungen in dieser Richtung bislang völlig fruchtlos geblieben*). Auf ähnliche in der Vorkriegszeit in gewissen Kreisen gepflogenen *) Unsere gesamte Betrachtung bezieht sich natürlich auf das Gros des Standes, auf die in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht typische und integrierende Schicht. Es vermag an den Grundfeststellungen nichts zu ändern, daß es natürlich auch hier flüssig bleibende Grenzstriche und Übergänge gibt. An der Peripherie beider Klassen — des Kleinhandels und des Handwerks — gibt es noch immer atypische, fluktuierende, allerdings auch verhältnismäßig unerhebliche Elemente, die eine gewisse berufliche Oszillationstendenz an den Tag legen. Es ist darauf unzweifelhaft die absolute und relative Steigerung der Gesamtzahl der jüdischen Handwerker in dem Jahrzehnt 1887—1898 (von u,7 auf 14% der jüdischen Gesamtbevölkerung Rußlands) zurück-