Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 320

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Vom ostjüdischen Handel
Date
1918-01-01
Page
320 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101145-3103627--2671-3103666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

320 Leo Rosenberg: teilung leider jeder Grundlage entbehrt, weiß jeder, dessen Urteil über wirtschaftliche Zustände im Osten nicht auf Deduktionen und theoretischen Mutmaßungen, sondern auf ausgiebiger unmittelbarer Anschauung und Beobachtung beruht. Die Lage des ostjüdischen Kleinhandels hat, ungeachtet der an sich günstigen Wirkungen des zu bedeutender Entfaltung gelangten modernen Kleinkreditwesens, auch in den wenigen, die Gesamtlage kaum beeinflussenden Industriegebieten, ungeachtet der gewachsenen Kaufkraft der Massen, keine Verbesserung, sondern ganz offenkundig eine fortschreitende Verschlimmerung, ja Verelendung erfahren. Die günstigen Wirkungen einer zunehmenden Erstarkung der Kapitalkraft sind durch die ungehemmt sich steigernde Überfüllung und Konkurrenz völlig neutralisiert worden, während die gerade in den westrussischen Industriegebieten mächtig aufstrebende nichtjüdische Mittelstands- und Konsumgenossenschaftsbewegung ihrerseits in der gleichen Richtung wirkte und den Faktor einer angeblichen Steigerung der Kaufkraft des (nichtjüdischen) Arbeiterelements zu Ungunsten des jüdischen Handels kompensiert. Nein, der ostjüdische Handelsmittelstand in Polen und Litauen hatte in den letzten Zeitläuften wirklich keinen Grund, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Unserm oben gekennzeichneten „Baal-habajit" ging es schlecht und immer schlechter. Die Überfüllung wurde zusehends drückender, der Daseinskampf unerträglicher und hoffnungsloser. Für den jungen Nachwuchs dieses Standes namentlich schrumpfte offensichtlich der Nahrungsspielraum im angestammten Kreise aufs bedenklichste zusammen; er drohte an wirtschaftlicher Atemlosigkeit zu ersticken. Und diese Jugend, leicht beweglich und tatenfroh, mutig und unverbraucht genug, um einem düsteren Geschick die Stirn zu bieten und einem aussichtslosen Kampf die geordnete Flucht vorzuziehen, greift zum Wanderstab. Das an die Scheidegrenze des Jünglingsalters angelangte Muttersöhnchen, Nichtstuer und Bethamidraschträumer, der Jeschiwazögling und angehende Rabbiner, der nach einer „guten Partie" fahndende oder nach den eben beendeten Flitterwochen vis-ä-vis de rien stehende „seidene Jungermann", der — im jüdischen Osten eine fast ausschließlich großstädtische Erscheinung — gewitzigte Handlungsgehilfe — sie sind es, die das Glück in der neuen Welt suchen. Man darf in der überwiegenden Mehrheit der oben angeführten Ziffer der bei den Auswanderungsbureaus um Auskunft Nachsuchenden und der tatsächlichen Auswanderer aus dem Handelsstande eben diese Kategorie der „baale-batischen" Jugend vermuten. Der richtige Baal-habajit wandert nicht. Wenn auf irgendeine, so trifft auf diese Menschenklasse das bedeutsame Wort Adam Smiths zu, unter allen Gegenständen sei der Mensch am schwierigsten transportabel. Schon das rein persönlich-psychische Moment ist stark und wirksam genug, um unseren Mann davon abzuhalten: unvergleichlich tiefer und fester als bei irgendeinem anderen Standesangehörigen ist die Verwurzeltheit, die Autochthonie dieses Patriziers im angestammten Milieu. Die Ausder jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa". (Neue jüdische Monatshefte, Jahrgang 1917, S. 472 ff.) ... „Und gerade im Kernstück dieses Judenhandels erging es dem jüdischen Kleinkaufmann trotz aller Konkurrenz in den letzten Jahren besser, zu den riesigen Auswanderermassen stellte der jüdische Kaufmann nur einen überraschend kleinen Teil, etwa 4—5%, denn seine Kundschaft war zusehends kaufkräftiger geworden. Der polnische und russische Fabrikarbeiter verdienen verhältnismäßig große Beträge. . . . Die Verbindung mit Innenrußland war die Quelle seines (d. jüd. Kleinkaufmanns) beginnenden Aufschwungs; er fühlte, daß es für ihn wieder bergan ging, und darum wanderte er trotz aller Konkurrenz nicht aus." (S. 476-477.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.