Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 319 (sequence 15)
- Language
- German
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- Minsk 1× ep/1000754
- Odesa 1× ep/1000834
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Vom ostjüdischen Handel 319 Man wird sich die ganze ungeteilte menschliche Persönlichkeit des ostjüdischen Baal-habajit und die gesamte geistig-kulturelle und soziale Situation des von ihm repräsentierten ostjüdischen Handelsstandes vergegenwärtigen müssen, um sich über die Entwicklungstendenzen und Zukunftsmöglichkeiten dieses Standesund damit der gesamten ostjüdischen Handelstätigkeit klar zu werden. Man wird dann die Hoffnungslosigkeitjeder Analogie erkennen und die ungeheuere Kompliziertheit und Tragweite des Problems ermessen. Aus einem richtigen Verständnis der Gegenwart v/ird man erst den wahren Wert aller jener übernommenen sozialpolitischen Schlagworte und Lösungsversuche einschätzen können. Wir denken hier in erster Reihe an die auf eine „Berufsumschichtung" hinzielenden Reformbestrebungen und in engem Zusammenhang damit an das Auswanderungsproblem. Die überaus geringe Auswanderungsziffer des ostjüdischen Handelsstandes ist eine Tatsache, die Verwunderung erregt. Auf Grund der amerikanischen Einwanderungsstatistik gibt Fornberg*) die Verhältniszahl des in Nordamerika eingewanderten ost jüdischen Handelselements auf weniger als 5°/0 der Gesamtzahl der Eingewanderten an. Diese auch von Kaplun-Kogan**) und Ruppin***) übernommene Angabe dürfte nun allerdings kaum zutreffend sein. Sie muß jeden, der eine unmittelbare Kenntnis der Verhältnisse besitzt, von vornherein sehr unwahrscheinlich dünken. In den Ermittelungen der zuständigen JCA-schen Auskunftsbureaus erfährt leider die Berufsgliederung eine unzureichende Berücksichtigung. Immerhin verzeichnet der Bericht des Auskunftsbureaus der JCA in Petersburg für 1908 unter der Gesamtzahl der Auskunftsuchenden aus Minsk 14,1 Handlungsgehilfen, aus Kowno iS°/0 Kaufleute und Handlungsgehilfen, aus Odessa 33°/0, Kischinew 42°/0 Warschau 9ü/0. In Nordamerika selbst sind 3O°/0 der Eingewanderten im Handel beschäftigt!). Die Zahl der Auswandernden im Handelsstande dürfte mithin bedeutend höher zu setzen sein. Man weiß, welcher geringe Beweiswert den Angaben zukommt, die den amerikanischen Einwanderungsbehörden gegenüber gemacht werden; gar mancher Handelsmann gibt sich drüben aus „Klugheitsgründen" als biederer Handwerker aus, und die Kategorie der Berufslosen tut es erst recht. Für die Galveston-Auswanderung gibt die „Galveston-Organisation" die Zahl der Kaufleute und Handlungsgehilfen auf 18,45 °/o an*— Mag nun auch die von der amerikanischen Einwanderungsstatistik angegebene Ziffer von 5°/0 zu niedrig gegriffen sein — die Tatsache der auffallend geringen Auswanderungsziffer des Handelsstandes ist an sich feststehend. Worauf ist diese überraschende Tatsache zurückzuführen? Man hat diese Erscheinung auf die günstigere und in fortschreitender Verbesserung begriffene wirtschaftliche Situation des ostjüdischen Handelsstandes zurückführen, ja, diese optimistische Auffassung der gegenwärtigen Verhältnisse und der Zukunftsaussichten der ostjüdischen Handelstätigkeit auf die Tatsache der geringen Auswanderung stützen wollenft)- Daß diese optimistische Beur- *) Die jüdische Emigration. S. 57—60. **) Die Wanderbewegungen der Juden, Bonn 1913. ***) Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland. S. 12. t) Vgl. Rubinow, Die ökonomische Lage der Juden in New York (im „Woschod" 190S» Hefti). Danach ergaben 1900 die Ermittlungen für die Stadt New York über die Berufsgliederung der „Russen" (lies: Juden): Handwerk und Industrie — Männer 61,08%, Frauen 71,30%; Handel und Verkehrswesen — Männer 3<>,45%> Frauen I4i45%- tf) So auch Prof. Dr. Julius Hirsch in einem Aufsatz über „Die neuesten Veränderungen