Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Vom ostjüdischen Handel
Date
1918-01-01
Page
318 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101145-3103627--2669-3103664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3i8 Leo Rosenberg: zur Frau zu geben. Nie wird es dem wohlhabenden Handwerker gelingen, zum Baal-habajit aufzurücken. Wie hier die soziale Rangordnung nicht auf dem Besitz, sondern auf dem geistig-sittlichen Habitus beruht, so ist auch der soziale Aufstieg oder Abstieg ausschließlich durch das ideelle Moment bestimmt. Hingegen gilt der freilich selten vorkommende gelehrte Handwerksmann, der im Talmud nebst Annexis seinen Mann steht, ohne weiteres als ebenbürtig; ebenso der Sohn eines Handwerkers, der die Gelehrtenlaufbahn einschlägt. Der besitzlose Gelehrte, der „Talmid-chacham", genießt das höchste soziale Ansehen; auf ihn bezieht sich jeglicher Familienstolz und Standesdünkel, der berühmte jüdische „Jichus". Der Unwissende, der „Am-haarez" muß schon sehr reich und wohltätig sein, um in der Gemeinde der Würde eines Baal-habajit teilhaftig zu werden. Tiefwurzelnd ist im führenden Baale-batim-Stand die Mißachtung der physischen Arbeit. Ist der Übergang vom Baale-melocho-Stand zur Baalebatim-Klasse unwahrscheinlich, so ist der umgekehrte Fall fast undenkbar. Der vornehme Bettler — auch das ostjüdische Schnorrerwesen hat eine höchst differenzierte, in gleicher Weise nach dem Grade der Gelehrsamkeit abgestufte Rangordnung aufzuweisen! — gilt mehr als der Arbeiter. Der herabgekommene und deklassierte Baal-habajit wird in die Fremde betteln gehen, aber nicht arbeiten. Als unheilbar degradiert gilt der Angehörige dieser Klasse, der seinen Sohn ein Handwerk erlernen läßt. Das Merkwürdige daran ist, daß diese Bewertung der Körperarbeit keineswegs der traditionellen Auffassung im biblischtalmudischen Schrifttum entspricht, das die Arbeit preist. Man wird unwillkürlich an das Seitenstück der spezifisch hellenischen Auffassung gemahnt, das in der Körperarbeit etwas Entwürdigendes und nur dem Unfreien Geziemendes erblickte. Hier wie dort wurzelt dieses Empfinden in einer ins Instinkthafte übergegangenen Überschätzung des Geistigen, die ihrerseits der Ausfluß einer übermächtigen, das ganze Sein durchflutenden Geisteskultur ist. Hier muß ein Umstand sehr gewichtiger und wirksamer Art vermerkt werden. Ist das Verhältnis zwischen dem Baal-habajit und dem selbständigen Handwerker vom Bewußtsein der Unebenbürtigkeit und einem echten „Pathos der Distanz" erfüllt, so artet dieses Empfinden dem Lohnarbeiter gegenüber zu einem Gefühl der Scheu und Fremdheit, ja Feindseligkeit aus. Steht der selbständige Handwerkerstand noch an der Kreislinie des öffentlichen Gemeindelebens, so führt der Arbeiter eine losgelöste Existenz außerhalb des Gemeinschaftskreises. Am letzten Ende ist hier alle soziale Rangordnung und alles soziale Wertgefühl durch den Grad der Unabhängigkeit und der individuellen Geltung bestimmt. Der höchste Grad der Freiheit wird im Wissen, in der „Lehre" erreicht — en cherüt elä toräh! — und so repräsentiert der Gelehrte das ostjüdische Persönlichkeitsideal und den höchsten sozialen Wert. Am höchsten auf der sozialen Stufenleiter steht — abgesehen natürlich vom berufsmäßigen Rabbiner- und Gelehrtenstand — der diesem Ideal nachstrebende und es sehr häufig in höchster Reinheit erfüllende Baal-habajit, der sich auch des größten Maßes wirtschaftlicher Freiheit und Ungebundenheit erfreut. An zweiter Stelle steht der in ethischer und sozialer Gebundenheit dahinlebende selbständige Handwerker. Auf der untersten Stufe fristete noch bis vor kurzem ein richtiges Pariadasein der in einem Zustand hoffnungsloser wirtschaftlicher Fesselung und sittlich-sozialer Losgelöstheit dahinlebende Lohnarbeiterstand, zwischen dem und der führenden Baale-batim-Schicht kein anderes Verhältnis bestand> als zwischen den Freien und Unfreien in Hellas.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.