Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 317 (sequence 13)
- Language
- German
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Vom ostjüdischen Handel 317 rätselhaft scheinen. Der aus dem westeuropäischen Lebenskreis kommende Betrachter wird sich schließlich das ungewohnte Bild eines akademisch gebildeten Trödlers in die Vorstellung rufen müssen, um sich diese Erscheinung eines ostjüdischen Baal-habajit auch nur in ihren äußeren Umrissen begreiflich zu machen. Die Analogie wird wohl viel des Charakteristischen enthalten, ohne jedoch das Wesen zu erschöpfen. Der Betrachter wird sich letzten Endes damit abfinden müssen, daß sich der Ostjude selbst dieses Doppelseins aufs tiefste inne ist. Es wird ihm am tiefsten in dem zeitlich sich abhebenden Unterschied zwischen seiner Werktag- und seiner Sabbatexistenz bewußt Den rührendsten und erschütterndsten Ausdruck findet dieses Bewußtsein in jenem volkstümlichen Gleichnis vom Königssohn, der sechs Tage in der Woche in einen Hund verwandelt wird. Nur an einem Tage der Woche darf der wegen schweren Vergehens verstoßene Königssohn vor seinem Vater erscheinen und aller Ehren teilhaftig werden. Vollzieht sich diese Wandlung auch in voller Kraft und Reinheit erst an dem aller Erdenmühen freien Sabattage, so wird sie doch an jedem Tage, zu jeder Stunde Ereignis. Denn der richtige Baal-habajit bringt ja die Hälfte des Tages im Bet-Hamidrasch zu, dem Gebet und der Lehre geweiht. Mit Morgengrauen findet er sich in diesem Heim seiner Seele ein, wo bis zur Gebetsstunde „gelernt" und nach dem Gebet wieder „gelernt" wird, wo in den Pausen die hohe Politik und alje belangvollen Weltereignisse so recht sub specie aeternitatis abgehandelt werden, und erst gegen Mittag tritt er, den Tallissack unterm Arm, den Leidensweg zur hundsmäßigen Wirklichkeit an. Den Schmerz dieser Zerrissenheit hat er freilich längst überwunden. Denn wie die irdische Wirklichkeit für ihn den „Vorhof", den „Prosdor" für das jenseitige Leben bildet, so ist auch der Alltag um des Sabbats, der Markt um des Bet-Hamidrasch wegen da. Er handelt, um zu leben, lebt aber nicht, um zu handeln. Wie er sich in diesem „Vorhof" durchschlage, ist gleichgültig, wenn er nur nicht das große Endziel aus den Augen verliert. So wird dieses Leben nur dem uneingeweihten Blick tragisch erscheinen. Am Ende ist es von höchster Zielbewußtheit und der Freude des Vollbringens erfüllt. Aus diesem in der Sphäre des Ideellen und nicht des Ökonomischen wurzelnden Standesbewußtsein und ständigen Empfinden ergibt sich ein Umstand höchst wirksamer und bestimmender Natur: eine beispiellose innere und äußere Exklusivität. Bei keinem anderen Volke, in keiner anderen Gemeinschaft besteht eine derartige tiefe Kluft zwischen den Ständen wie im Ostjudentum, nirgends ist der Übergang von Klasse zu Klasse so erschwert, so unwahrscheinlich wie hier. Dem flüchtigen, auf den äußeren Aspekt eingestellten Blick mag der geringe Grad ökonomischer Differenziertheit das Gegenteil davon vortäuschen. Eine nähere Betrachtung wird aber bald auch den Fernstehenden überzeugen, daß es nicht die materielle, sondern die geistig-sittliche Differenzierung ist, von der dieser Sozialtypus sein Gepräge erhält. Im Vollgefühl seiner in Jahrhunderten erworbenen und gepflegten Würde als Träger des geistigen Erbgutes seines Volkstums sieht der Baal-habajit mit unnahbarem herablassenden Stolz auf die als „Hamejn" („Hamön": Menge) charakterisierte Masse des Handwerkerstandes, der „Baale-melocho", herab. Zwischen den Angehörigen dieser beiden Gruppen gibt es kein gleichberechtigtes öffentliches Zusammenwirken, keinen geselligen Verkehr, ja auch kein Konnubium. Der ärmste Baal-habajit würde es als tiefste Degradation empfinden, seine Tochter einem gutsituierten Handwerker