Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 316 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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3i6 Leo Rosenberg: Handelsbevölkerung des Ortes wird vom Verfasser auf ca. 70000 Rubel angegeben — mithin wird der Reingewinn des einen Gesamtwert von 700000 Rubel repräsentierenden jährlichen Warenumsatzes des Ortes auf genau io°/0 veranschlagt Es ist dies im großen ganzen das normale typische Bild der Einkommensverhältnisse im ostjüdischen Kleinhandel. Diese Zahlen veranschaulichen so recht die wirtschaftliche Situation des „Baale-batim"-Standes, des ökonomisch, sozial und kulturell wichtigsten und prädominierenden Teiles des ostjüdischen Kleinbürgertums. Darüber hinaus werfen sie aber auch ein grelles Licht auf die rein menschlichen und sozialen Lebensbedingungen — man beachte namentlich in dieser Beziehung den sehr bedeutenden Anteil der Frauen am Handelsberuf! — dieses führenden Standes im Judentum, des eigentlichen Trägers der jüdischen Volkskultur und des geschichtlichen Judentums schlechthin. In der Sphäre des Geistig-Kulturellen (das im Ostjudentum vor allem und auf das wesentlichste den Sozialtypus bestimmt) wächst die im Wirtschaftlichen bestehende Sonderart der Lebensbedingungen zu einer jeden Vergleich ausschließenden Einzigartigkeit aus. Bezieht sich die Betrachtung der rein wirtschaftlichen Erscheinungen auf die Verhältnisse, so trifft hier die Würdigung des sozialen Charakters unmittelbar den Menschen. So groß die Verschiedenartigkeit der Verhältnisse ist, unendlich tiefer ist die Kluft zwischen den Menschen. Hier hört jeder Berührungspunkt auf; zwei Welten stehen sich gegenüber. Nichts wäre falscher als die Vorstellung einer seelischen Wesensgemeinsamkeit zwischen dem ostjüdischen Handelskleinbürger und seinem nichtjüdischen Berufsgenossen. Vollends sich den ostjüdischen „Baal-habajit" im Ebenbilde des nichtjüdischen „Kleinbürgers" zu denken, wäre eine Verirrung, die den Weg zur Erkenntnis der Dinge von vornherein versperrt Es hat lange gedauert, bis auch der Nationalökonom auf den Gedanken kam, daß es eigentlich keine „Nachfrage" und „Angebot", sondern eben Nachfragende und Anbietende gibt. Wer das Wesentliche und Bestimmende im ostjüdischen Leben erfassen will, muß sich von vornherein an den Gedanken gewöhnen, daß es im Osten keine „Händler" gibt, sondern Menschen, die Handel treiben. Menschen, deren physische Existenz auf dem Handel beruht, deren menschliches Sein aber von einer ganz anderen Wurzel genährt wird, deren beruflicher Charakter ihrem geistig-sittlichen Wert nicht kongruent ist. Der Mangel an Konformität des ökonomischen und des geistig-sittlichen Typus bildet den kennzeichnendsten und tragischsten Zug jüdischer Lebensgestaltung im Osten, sagten wir oben. In der Tat, es ist nichts kennzeichnender und nichts tragischer an dieser durch eine ungeheuere Verkettung historischer Schicksale bedingten Daseinsgestaltung, als diese durchgängige Geteiltheit, dieses völlige Auseinanderstreben der in naturgemäßer Entfaltung in Parallelität und wechselseitiger Bedingtheit verlaufenden Entwicklungsreihen. Absolute wirschaftliche . Gebundenheit geht mit schrankenloser geistig-sittlicher Freiheit Hand in Hand. Als Wirtschaftsmensch zu der schäbigen, niederzerrenden, ewig geprellten Existenz des östlichen Krämers und Vermittlers verurteilt, ist er als Gesamtpersönlichkeit ein geborener Aristokrat. Außerhalb der engen Erwerbssphäre erfreut er sich der stolzesten Eigengesetzlichkeit und Eigenwilligkeit, die je einem Menschen beschieden ist. Da wird der Budiker zum Gelehrten, zum Manne des Geistes, zum Überlegenen. Dem Außenstehenden mag diese seltsame Verschmelzung tiefster ökonomischer Eingeengtheit mit höchster sittlicher Freiheit