Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 313

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Vom ostjüdischen Handel
Date
1918-01-01
Page
313 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101145-3103627--2664-3103659
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vom ostjüdischen Handel 313 Stärke der Kapitalkraft des jüdischen Kleinhandels wohl eine wesentlich veränderte Situation geschaffen. Diese jüdischen (Juden bilden 86,24 der Gesamtzahl der Mitglieder) Kreditgenossenschaften, die 1911 mit 595 Institutionen 300000 Mitglieder und (für 417 Kassen) ein Aktivum von 15 */, Millionen Rubel besaßen, hatten unmittelbar vor Kriegsausbruch eine Gesamtmitgliederzahl von 500000 und einen Umsatz von 50 Millionen Rubel aufzuweisen*). Dies wird in der nächsten Umlaufskapitalsstatistik im jüdischen Ansiedlungsgebiet deutlich zum Ausdruck kommen. Indessen vermochte dieser Fortschritt in der Richtung einer Steigerung der Kapitalkraft kaum, eine wesentliche Verbesserung der Gesamtlage des jüdischen Handels herbeizuführen. Die errungenen Vorteile mußten durch jene grundlegende Tatsache von vornherein unwirksam gemacht werden, die allein das Schicksal der beiden Hauptgebiete wirtschaftlicher Betätigung im Ostjudentum entscheidend zu gestalten vermochte: die steigende Überfüllung. Die Überfüllung und deren Folgeerscheinung, die gesteigerte Konkurrenz, ist für die Gestaltung der Situation des ostjüdischen Handels von ausschlaggebender Wirkung. Sie bildet jenen verhängnisvollen Grundfaktor im Wirtschaftsleben der jüdischen Volksmassen, der alle Höherentwicklung und allen Fortschritt hintanhielt und den großen ostjüdischen Mittelstand, das Haupt- und Kernstück des Volkstums, einem rapid fortschreitenden Verelendungsprozeß anheimfallen ließ. In viel stärkerem Maße als im Handwerk traten die Auswirkungen der steigenden Überfüllung im Handel zutage, und dies aus zwei naheliegenden Gründen. Setzt das Handwerk auch in der elendsten technischen und ökonomischen Verfassung eine gewisse, durch mehrjährige Lehrzeit zu erwerbende Befähigung voraus, so ist die Ausübung der Handelstätigkeit an keine erschwerenden und auslesenden Bedingungen geknüpft. Zu dieser in der Natur des Handels selbst begründeten Tatsache gesellt sich das andere noch zu erörternde Moment der auffällig geringen Auswanderungsziffer der Handelsbevölkerung im Vergleich mit der des Handwerkerstandes. Die starke Auswanderung, die dem ostjüdischen Handwerk seit Jahr und Tag den Nachwuchs abschneidet und es entkräftet, wirkt zugleich rein wirtschaftlich insofern günstig, als sie — freilich in kaum ausreichendem Maße — eine Art Sicherheitsventil gegen die Überfüllung und den ungesunden Wettbewerb bildete. So hat das rasche Anwachsen der Zahl der Kleinhandelsbetriebe einen ungehemmten Lauf nehmen können. Während die ebenfalls wahrscheinliche Vermehrung der Handwerksbetriebe im jüdischen Osten in Frage gestellt wird, ist der über alle Maßen anschwellende Zuwachs der Handelsunternehmungen eine sichere Tatsache. Genau läßt sich das Verhältnis zwischen der Vermittler- und Verbraucherzahl im Osten kaum feststellen. Immerhin möchte ich auf Grund einer der Wirklichkeit sehr nahekommenden Berechnung die Vermutung wagen, daß im ostjüdischen Handel bereits auf 6—10 Verbraucher je ein Vermittler kommt. Was dieses Verhältnis zwischen Konsument und Händler zu bedeuten hat, braucht kaum hervorgehoben zu werden. In normalen, an sich bereits als wachsendes Übel empfundenen Verhältnissen ist das zahlenmäßige Verhältnis zwischen diesen beiden Elementen um das Vier- 'bis Sechsfache höher. In Deutschland, wo nach den Ergebnissen der Handelsstatistik von 1907 im Warenhandel je ein Vermittler auf etwa 36 Verbraucher kommt, wird dieser Zustand in steigendem Maße als drückendes *) Im übrigen vergleiche man die bezüglichen Darlegungen in meiner Arbeit „Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum", II. Der Jude, 1917, Heft 5/6. Heft 7. 24

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.