Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Vom ostjüdischen Handel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 312 (sequence 8)
- Language
- German
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Leo Rosenberg: und Äußerungen eines Gemeinschaftslebens, dessen Gesamtentwicklung jede Einheitlichkeit und Geradlinigkeit vermissen läßt Es ist dies zugleich der kennzeichnendste und tragischste Zug jüdischer Lebensgestaltung im Osten: der Mangel einer Konformität des wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Typus. In der Verkennung dieses letzteren Umstandes liegt aber noch eine andere Gefährdung des Urteils, der es in gleicher Weise durch die analysierende Gesamtbetrachtung vorzubeugen gilt: die Analogie. Diese kurzen Andeutungen werden im folgenden volle Klarheit gewinnen. Zunächst die objektiv wirtschaftlichen Gegebenheiten. Die wirtschaftliche Situation des ostjüdischen Kleinhandels ist, wie oben auseinandergesetzt, durch zwei charakteristische Momente gekennzeichnet: durch das Vorherrschen des kleinen Betriebskapitals und die gesteigerte Konkurrenz. Ein Vergleich zwischen der Durchschnittshöhe des Umlaufskapitals in den Handelsbetrieben innerhalb und außerhalb des Ansiedlungsgebietes (nach den Ermittlungen des russischen Ministeriums für Handel und Gewerbe von 1900) legte in unzweifelhafter Weise dar, daß das durchschnittliche Handelsbetriebskapital im „Rayon", in dem doch ij2—3/4 des gesamten Handelsumsatzes durch jüdische Hände geht, niedriger ist als in den innerrussischen Gouvernements — 9440 im ersteren gegen 12600 in den letzteren. In diesen Ermittlungen sind natürlich Groß- und Kleinhandel zusammengefaßt. Über Zahl, Größenverhältnisse und Durchschnitt des Umlaufskapitals in den eigentlichen Kleinhandelsbetrieben, auf die es, wie immer wieder betont werden muß, bei einer Klarstellung der Gesamtsituation der jüdischen Handelstätigkeit im Osten so gut wie ausschließlich ankommt, sind authentische Angaben irgendwelcher Art nicht vorhanden. Hinsichtlich der Größenverhältnisse und Entwicklungstendenzen darf es indessen als offenkundige Tatsache hingestellt werden, daß hier der Alleinbetrieb die ausschließliche Form des Geschäftsbetriebes bildet; Großbetrieb und Warenhaus sind vereinzelte Großstadterscheinungen. Kapitalarmut und Selbständigkeitsdrang lassen keine Konzentrationstendenz aufkommen. Was das Umlaufskapital anlangt, so möchte ich auf Grund ausgedehnter persönlicher Erfahrungen und Beobachtungen die Behauptung wagen, daß die Durchschnittshöhe des Umlaufskapitals eines ostjüdischen Kleinhandelsbetriebes um den Beginn dieses Jahrhunderts den — höchstgegriffenen — Betrag von 100 Rubel schwerlich überschritten hat. Allein mit diesen Durchschnittsaufstellungen ist gerade in den ostjüdischen Verhältnissen der richtigen Erkenntnis der Dinge wenig gedient. In Wahrheit verhalten sich die Dinge so, daß in jedem jüdischen „Städtchen" neben einigen größeren Detailläden mit einem Umlaufskapital von mehreren tausend Rubeln die erdrückende Mehrzahl der Läden und Lädchen um den genannten Zeitpunkt ein einige hundert Rubel nicht übersteigendes „Geschäftskapital", eine große Zahl gar ein solches von 15—25 Rubel aufzuweisen hatte. (Von abweichenden Erscheinungen in den wenigen Großstädten kann abgesehen werden.) In den letzten Dezennien dürfte in dieser Hinsicht eine erhebliche Wandlung eingetreten sein. Die aufsteigende Entwicklung des ostjüdischen Kleinkreditwesens in der Form von genossenschaftlichen Spar- und Darlehenskassen, die in den letzten Jahrzehnten in einer langen Reihe von Städten und Flecken des Ansiedlungsgebietes ins Leben gerufen wurden und an denen der jüdische Handelsstand erheblich beteiligt ist — 34°/Q aller Mitglieder sind Kaufleute —, hat hinsichtlich der