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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 314

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Vom ostjüdischen Handel
Date
1918-01-01
Page
314 (sequence 10)
Language
German
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3*4 Leo Rosenberg: Übel empfunden, dem entgegengewirkt werden muß. Ist dieses Bestreben im Westen von der Erwägung der abträglichen Folgen der Überhandnähme des Vermittlertums für die Allgemeinheit geleitet, so steht im Osten die Rücksicht auf die untergrabene Existenzmöglichkeit des Handelsstandes selbst im Vordergrund. Von einer eigentlichen „Existenzmöglichkeit" könnte unter diesen Umständen im ostjüdischen Handel nicht mehr die Rede sein, — wenn man nicht zumindest in bezug auf diese Verhältnisse längst gelernt hätte, zu den „Möglichkeiten auch jene Unmöglichkeiten zu zählen, die doch geschehen". So bietet dieses Erwerbsfeld im Osten längst das Bild eines furchtbaren Gedränges, in dem jeder sich mit den Ellenbogen Platz zu machen sucht. Es ist ein mörderischer Daseinskampf, ein keuchendes Wettrennen ums Brot „Man verzehrt sich gegenseitig!" ist die geläufige schonungslose Charakteristik dieses zermürbenden Lebenskampfes seitens der Beteiligten selbst Und wenn wieder ein Jahr vorüber ist und Reb Oscher oder Frau Jente die überraschende Entdeckung machen, daß „man noch lebt", nicht verhungert ist, keine Pleite gemacht hat und man auch nicht beim Grossisten oder anderen gefälligen Leuten allzu hoffnungslos in der Kreide steckt — dann kommt ihnen dieses „Leben" als ein Wunder, als ein offenbares „Neß" vor, und man preist den alten Gott Israels, der noch immer Wunder an seinem Volke wirkt. — Angaben über die wirtschaftliche Situation des ostjüdischen Kleinhandels in bezug auf die durchschnittliche Einkommenshöhe der Handelstreibenden besitzen wir ebensowenig wie exakte Ermittlungen über die Zahl der Handelsbetriebe überhaupt Um so mehr muß hier eine schätzenswerte Einzelarbeit Berücksichtigung finden, die in der Form einer Monographie eines im großen ganzen wohl dem Typischen sich nähernden jüdischen Städtchens im Gouvernement Mohilew, des Fleckens Krasnopolje, wertvolles Material zur Beleuchtung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Osten und namentlich auch über Betriebszahl und Einkommenshöhe in den verschiedenen Gruppen der jüdischen Handelsunternehmungen liefert*). Die Ermittlungen sind um so dankenswerter, als sie auch das Verhältnis zwischen Vermittlertum und Verbraucher beleuchten und nicht zuletzt wichtige Aufschlüsse allgemein sozialer Natur gewähren. Das genannte Städtchen wies um 1902 2834 ortsanwesende jüdische Einwohner (1365 Männer, 1469 Frauen) und eine nichtjüdische Einwohnerschaft von 433 Personen. (Das ganze Kirchspiel Krasnopolje hatte eine christliche Bevölkerung von 7418 Köpfen.) Die jüdische Familienzahl betrug 524, von denen 466 genaue Angaben über Berufsart und Einkommen machten. Die Berufsgliederung der erwerbstätigen jüdischen Bevölkerung des Städtchen bot folgendes Bild: *) Dr. L. Rochlin, Das Städtchen Krasnopolje (russisch). Die Schrift ist als 4. Heft der JCAschen Statistischen Veröffentlichungen über die russischen Juden erschienen (auszugsweise auch in deutscher Sprache in der Zeitschrift f. Demographie u. Statistik d. Juden Jahrg. 10, 33 ff.). Sie bildet das Ergebnis einer überaus sorgfältigen und individuell gerichteten Aufnahme des Verfassers, der in den Jahren 1900—1903 als Arzt und Kronrabbiner in diesem Städtchen fungierte. — Es stünde heute um die jüdische Wirtschaftswissenschaft ganz anders, besäßen wir eine größere Anzahl derartiger Einzelarbeiten. Unsere jüdischen Studenten der Nationalökonomie, die eine unbezwingbare Vorliebe für theoretische Themata an den Tag legen, würden durch mit Fleiß und Umsicht durchgeführte Einzeluntersuchungen dieser Art der Wissenschaft sowohl wie namentlich ihrem eigenen Volke einen viel besseren Dienst erweisen.

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