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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 308

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Vom ostjüdischen Handel
Date
1918-01-01
Page
308 (sequence 4)
Language
German
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308 Leo Rosenberg: durch eine möglichst gesteigerte Zahl der Geschäfte ausgeglichen werden. Daraus ergibt sich für den jüdischen Handel der moderne Grundsatz des großen Umsatzes und des kleinen Nutzens. Daher die Bevorzugung der einen raschen Umsatz ermöglichenden Massenartikel. Daraus ergibt sich auch die große Kreditbedürftigkeit des jüdischen Handels. Diese besondere Situation des ostjüdischen Handels ist es, die neue Geschäftsmethoden ins Leben ruft und die wirtschaftliche Sonderart des jüdischen Elements zur schärfsten Ausprägung bringt. Es entstand eine als spezifisch jüdisch und „modern" zugleich empfundene „Wirtschaftsgesinnung", die den herkömmlichen Gepflogenheiten den tief im Merkantilismus steckenden Wirtsvolkes schnurstracks zuwiderlief. Der Jude erwartet nicht gleich seinem nichtjüdischen Berufsgenossen in aller Gemächlichkeit den Besuch der bestimmten Kundschaft: er sucht sie auf. Er sucht in unmittelbare Beziehungen'zum Absatzmarkt zu gelangen und sich mit den Verhältnissen der entferntesten Absatzgebiete vertraut zu machen. Er ist immer bestrebt, die Grenzen seines jeweiligen Betätigungsradius hinauszuschieben. Das jüdische Unternehmen zeichnet sich so durch größere Rührigkeit und Beweglichkeit, freilich auch durch größere Unsicherheit und gesteigertes Risiko, wie überhaupt durch einen spekulativen Charakter aus. Von vitaler Bedeutung für die jüdische Handelstätigkeit waren ehemals die nach Tausenden zählenden Jahrmärkte, die indessen mit der zunehmenden Entwicklung des Verkehrswesens und der Vervollkommnung der Geschäftsmethoden immer mehr an Bedeutung einbüßten. Von den bedeutendsten Jahrmärkten im Ansiedlungsgebiet seien hier die Warschauer Wollmesse, die St. Georgs-Messe in Wilna, die Kiewer „Kontrakten" und die Poltawaer Messe, die von zahlreichen jüdischen Kaufleuten aufgesucht werden, erwähnt. Aber auch auf den großen Jahrmärkten außerhalb des Ansiedlungsgebietes — so die berühmte Messe zu Nischni-Nowgorod und die zu Charkow — tritt die Bedeutung des jüdischen Handels in immer steigendem Maße zutage. Von maßgebender Bedeutung ist der Anteil der Juden am russischen Auslandshandel. Hier liegen die wichtigsten Handelszweige durchweg in jüdischen Händen. Eine führende Rolle spielen die Juden auch in der in den letzten Jahren aufgekommenen Bewegung zur Hebung der Ausfuhr von Fertigfabrikaten. Die Anfänge eines jüdischen Großhandels im russischen Reiche datieren aus der Zeit nach der Bauernbefreiung. War der Ostjude bereits in der Hörigkeitsverfassung kraft seiner wirtschaftlichen und rechtlichen Sonderstellung — er war ja vornehmlich Geldverleiher und Wechsler, Pächter öffentlicher und privater Einkünfte, Güterpächter und Schänker, während er rechtlich vor der großen Masse das Privilegium der Freizügigkeit genoß — zum eigentlichen Träger der Geldwirtschaft geworden, so waren mit der 1861 zum Durchbruch gelangten Bauernbefreiung und dem mit diesem gewaltigen Ereignis zeitlich zusammenfallenden Ausbau des russisehen Verkehrswesens zum ersten Male jene elementaren wirtschaftlichen Vorbedingungen gegeben, um itin nunmehr auch zum Ferment des kommerziellen und industriellen Fortschritts zu machen. Hand in Hand mit dem steigenden Übergang der ostjüdischen Massen vom Vermittlungswesen zur Erzeugung ging auch der vom Geldzum WarenhandeL Freilich war dieser Fortschritt von einem sehr fühlbaren Depossedierungsprozeß begleitet. Denn mit dem neuen rechtlichen und wirtschaftlichen Zustand war die bisherige Wirtschaftsfunktion der Juden überflüssig geworden. Allzu schmerzlich konnte der neue

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