Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Selbstbesinnung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 303 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbstbesinnung 303 losigkeit und Unwissenheit in jüdischen Dingen eine Tugend macht, wenn man unsere Leere als Vorzug preist und unsere Zusammenhanglosigkeit mit der jüdischen Tradition als Qualität deutet, äußert sich hier nicht die Bequemlichkeit des Nichtwartenwollenden, der, statt unsere Armut zuzugestehen und um die Erwerbung wahrer Inhalte zu ringen, sich dieser Armut rühmt und so die Mühe des Erwerbens erspart? Wie haben wir, so geübt und erfahren in den Gesten der Stärke, in den lauten Worten und tönenden Phrasen von revolutionärem Mut und Übermut und Schöpfertum in Wahrheit alle Laster der Schwäche: die Unechtheit, die JJnvornehmheit und Feigheit! Bald drücken wir uns um unsere Nöte, bald machen wir, flink und geschickt, gar Tugenden aus ihnen; auf jeden Fall machen wir es uns recht leicht, recht bequem, ohne dabei doch auf die Pose des Starken, des Leidenden, des Kämpfenden zu verzichten. Das Heldentum der Pose, der Heroismus der Geste, das Revolutionärem der Phrase — das sind die Reviere, in denen wir groß sind; wir, das Geschlecht des Übergangs, das bereits jenes der Erfüllung sein will; das Geschlecht der Wüste, das nicht warten kann, bis es wahrhaft im gelobten Lande ist, und es sich künstlich schafft. Das Ergebnis und die Konsequenz solcher Erkenntnis? Wir müssen Einkehr halten und uns besinnen, halt machen und zur Umkehr bereit sein. Wir müssen bescheiden werden und aufrichtig, klar sehen und unser bewußt. Und schlicht, ohne Prätentionen und Forderungen, ohne Programme und Schlagworte beginnen, unsere Lage von innen heraus, wahrhaft und positiv zu überwinden. Wir sind leer an jüdischen Werten und Inhalten; so müssen wir daran gehen, uns mit jüdischen Werten und Inhalten zu füllen* Wir sind traditionslos und instinktunsicher; so müssen wir versuchen, wieder den Anschluß an jüdische Traditionen zu finden und jüdische Instinkte zu erwerben. Wir sind ohne Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit, herausgerissen aus der Kontinuität der jüdischen Geschichtsentwicklung; so müssen wir uns darum mühen, uns wieder einzureihen in die Geschichte unseres Volkes und einzufügen in das einheitliche jüdische Dasein in 'der Welt. Die Mittel? Erkenntnis und Wissen vom Judentum, das nicht tote Intellektualität sein darf, sondern lebendige innere Erfahrung, produktives Nacherleben; und als Voraussetzung dafür in der inneren Einstellung: Respekt vor allem Jüdischen, Ehrfurcht vor allen jüdischen Traditionen, Liebe zum Judentum in seiner Ge-' samtheit und in all seinen Einzelerscheinungen. Dies bedeutet nicht mechanische Übernahme aller jüdischen Traditionen und Formen und Werte. Wir sind jung, wir sind Menschen einer neuen Zeit und wollen nicht auf das Recht der Wahl, der Prüfung, der Kritik verzichten. Aber erst müssen wir das erkennen, worüber wir entscheiden wollen, und fern muß uns die bequeme und illegitime Geste der vorschnellen Ablehnung und Verneinung sein, wo wir noch nicht erkannt, geprüft, bemüht und gerungen haben. (Als Voraussetzung für all solche Erkenntnis die Erlernung des Hebräischen, ohne das jeder Zugang zum Judentum, zur jüdischen Kultur der Vergangenheit wie der Gegenwart verwehrt bleibt.) Und als zweites: die Tendenz nach Palästina; der Wille, unser Leben im neuen Palästina aufzubauen. Als klarer, schlichter, selbstverständlicher Entschluß jedes Einzelnen, unabhängig von Wenn und Aber, von Kautelen und Bedingungen. Mit gesichertem Beruf drüben und ohne gesicherten Beruf.