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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 302

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Selbstbesinnung
Date
1918-01-01
Page
302 (sequence 5)
Language
German
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302 Nachum Goldmann: herbeideuten zu können. Wir wollen es uns leicht machen, und begabt, wie wir sind, mit unseren Fähigkeiten der Deutung und Dialektik, des Pathos und der Pose machen wir uns Surrogate, wo \ins die wahren Werte fehlen. Bedarf es der Beispiele? Ich wähle exaige, die sich mir aus dem Aspekte des Jugendtages aufdrängen. Eines seiner beliebtesten, häufig gebrauchten Schlagworte war das der Naivität. Ein Wort, übernommen von der deutschen Jugendbewegung; für diese von fruchtbarem Wert und gutem Sinn. Was soll es uns bedeuten? Können wir, die Söhne des ältesten Kulturvolkes im okzidentalen Kulturkreis, Söhne des geistigsten, differenziertesten Volkes der Erde naiv sein, naiv werden in dem Sinne, wie es die Jugend anderer Völker vermag? Alle Naivität, die diesseits des Geistigen, diesseits der Konflikte, diesseits der Tragik liegt, ist uns verwehrt. Was anderen Naivität ist, kann uns nur die Einheit des Geistes bedeuten, jene Einheit, die ein Ergebnis ist und keine Voraussetzung, ein Ziel und keine Basis, eine Aufgabe und eine Gegebenheit. Vergißt dies unsere Jugend, will sie es sich leicht machen durch die einfache Übernehme des Begriffs der Naivität von den anderen, was anderes wird die Folge sein als ihre Gewöhnung an die Pose der Naivität auf der einen und ihre Erziehung zur Ungeistigkeit auf der anderen Seite? Sind nicht beide Erscheinungen bereits an unserer Jugend wahrzunehmen? Auf der einen Seite eine Tendenz zur Ablehnung des Wissens, der Erkenntnis, des geistigen Ringens und Suchens, eine Tendenz zur Ungeistigkeit, die fast erschreckend ist, und, wenn realisiert, zu einer Senkung des Kulturniveaus unseres Volkes führen müßte; und auf der anderen Seite: wird denn hierfür Naivität gewonnen und nicht vielmehr nur die Pose der Naivität, diese schlimmste, unwahrste aller Posen, weil Naivität das schlechthin Posenlose, das schlechthin Direkte und Unmittelbare ist? Und vermag man nicht in unserer Jugendbewegung überall bereits die Symptome dieser inneren Pose der Naivität, dieser Pose der Posenlosigkeit wahrzunehmen? Ein anderes Beispiel: der Rausch an großen Worten in unserer Jugend. Unfähig zu warten, bis wir selbst zu eigenen Erkenntnissen und Resultaten gelangen, machen wir es uns leichter und übernehmen sie von anderen. Wie gerne lassen wir uns von anderen vordenken, vorleben, vorleiden. Hat Martin Buber in langer, ringender Erkenntnis sich eine eigene Anschauung von Judentum und Religion, von Welt und Leben geschaffen, wer von uns wirft nicht mit seinen Worten um sich, sie ihres Sinnes entkleidend, sie ihrer Weihe entblößend, wer spricht nicht von Unbedingtheit und Erneuerung und Verwirklichung? Hat Micha Josef Berdyczewski im Forschen und Leiden eines Lebensalters das alte Judentum für sich überwunden und verworfen, beruft sich nicht ein jeder, der nicht Ernst genug besitzt, das Judentum zu erkennen, wohl aber Mut genug, es in einer Phrase zu „überwinden", auf Berdyczewskis Vorbild? Wenn unsere Jüngsten das alte Judentum ablehnen, ohne es zu kennen, spricht hier nicht die Bequemlichkeit des Nichtwartenwollenden, der entscheidet, bevor er. prüft, und statt das kennen zu lernen, was er nicht kennt, es lieber gleich verwirft, sich so die Mühe des Lernens ersparend? Wenn unsere Jüngeren dauernd mit dem Absoluten und Unbedingten um sich werfen, liegt dem nicht die Trägheit des Nichtwartenkönnenden zugrunde, der nicht wartet, bis er selbst zum höchsten Erlebnis und zur letzten Erkenntnis gelangt, und die Worte übernimmt, ohne sich um die Inhalte zu mühen? Wenn man aus unserer Ahnungs-

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