Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Selbstbesinnung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 304 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101145-3103626--2654-3103650- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
304 Nach um Goldmann: Selbstbesinnung Wir sind jung, wir haben Muskeln und haben Hirn, und Palästina ist ein neues Land, das Menschen braucht und Hände und Köpfe; wir dürfen sicher sein, dort uns eine Existenz sichern zu können. Die Stimmung und das Lebensgefühl abenteuernder Menschen müssen wir in uns Jungen wachrufen; das Lebensgefühl wagemutiger Pioniere und Landsucher und Wegebahner, mit der Sehnsucht, Neues zu schaffen und Grundsteine zu legen; die es überdrüssig sind, die ausgetretenen Bahnen gesicherter Karrieren und wohlbestallter Existenzen nachzutrotten; die Lust am ungesicherten Dasein haben, an der gefährdeten Lebensform, die die Gefahr lieben und das Wag nis, und glücklich sind, Anfänger sein zu dürfen. So soll unsere Art sein: bescheiden und kühn; ehrfürchtig vor der Vergangenheit und lustdrängend zur Zukunft; bewußt unserer Mängel und durchdrungen vom Bewußtsein unserer Berufung; leidend an unserer Tragik und glaubend an die Erlösung; und über alles wahr und aufrichtig; mißtrauisch gegen alle fertigen Surrogate und kritisch gegen alle dargebotenen Lösungen; darum lieber uns unsere Lage erschwerend als erleichternd; mit scharfem Blick für die Laster unserer Tugenden und mit festem Entschluß, sie zu bekämpfen; auf der Hut vor den Verführungen unserer Begabungen und stark genug, ihnen nicht zu erliegen; geduldig genug, warten zu können, und vornehm genug, auf leichte Erfolge zu verzichten; lieber Eigenes stammelnd, als Fremdes deklamierend; lieber lange Irrende als vorschnell Fertige; die Tadler liebend und die Lober fürchtend; stolz genug, um den Gefahren der Eitelkeit zu widerstehen, und so selbstbewußt, daß uns die Schmeichelei beleidigt. So sehe ich die Jugend, die unserem Volke heute not tut; die Jugend, die berufen sein soll, den Grundstein zur neuen jüdischen Zukunft zu legen und das neue Zion zu bauen. Versteht man, warum der Jugendtag mir eine Enttäuschung war? Und dennoch glaube ich an unsere Jugend, glaube ich an uns; glaube ich daran, daß wir den rechten Weg finden und unsere Aufgabe erfüllen werden; denn ein starker Wille liegt in der Jugend und wahrhafte Kraft des Glaubens; die Richtung fehlt ihr und die Erkenntnis, die gute Führung und die eigene Sicherheit. So sei sie stark genug, das Fehlende zu erwerben, indem sie erkenne, daß es bei ihr, wie überall, in erster Reihe auf den Einzelnen ankommt. Weniger Bewegung und mehr Arbeit des Einzelnen; weniger Getue und mehr Stille; weniger Rausch der Masse und mehr nüchterne Sachlichkeit eines jeden. Ein jeder suche, ein jeder lerne, ein jeder mühe sich, ringe und arbeite und schaffe, und aus dem organischen Sichzusammenfinden ehrlich Schaffender wird die fruchtbare Atmosphäre einer neuen, guten, wahrhaft sinnvollen jüdischen Jugendbewegung erwachsen. Noch sind wir nicht weit genug, jüdische Jugendtage zu veranstalten; zu früh hat unsere Jugendbewegung mit den Aspirationen und Forderungen, die sie heute erhebt, begonnen. Zu früh zu beginnen, ist die Gefahr aller Jugend, ist die spezifische Gefahr jüdischer Jugend, deren Frühreife und schnelle Fertigkeit Erbteile ihres Volkes sind. In der Ursache des Irrtums liegt die Gewähr seiner Überwindung. Weil wir jung sind, haben wir Zeit, Spannkraft und Elastizität genug, aufzuhören und später neu anzufangen. Worauf es ankommt, ist die rechtzeitige Erkenntnis, daß es zu früh war, und die innere Stärke zum Haltmachen. Diese Erkenntnis gegeben zu haben, ist die Bedeutung des Jugendtages. Seine Lehre heißt: Lernet warten. Berlin Nachum Goldmann