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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 301

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Selbstbesinnung
Date
1918-01-01
Page
301 (sequence 4)
Language
German
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Selbstbesinnung 301 können); sie lehrt sie Rechte fordern,, ohne Gegenwerte zu geben; und verleiht ihr das Bewußtsein einer Bedeutung, das sie von der Erfüllung ihrer wesentlichen Aufgabe ablenkt, zu lernen, skTh zu bilden und zu reifen. Zu all diesen Gefahren kommt nun bei unserer jüdischen Jugendbewegung noch eine entscheidende hinzu: sie vergißt, daß kie als westjüdische Jugend überhaupt kein Recht zu den Ansprüchen besitzt, die die Jugend eines anderen Volkes erheben darf. Will die deutsche Jugendbewegung die neue deutsche Zukunft und Kultur schaffen, so ist sie an sich dazu legitimiert; weil sie eben deutsche Jugend ist, weil sie deutsche Luft atmet, in deutscher Heimat groß geworden ist, an deutscher Kultur sich gebildet hat, deutsch ist in allen Fibern und Nerven und so die entscheidende Aufgabe eines jeden, der die Kultur seines Volkes fortsetzen will, erfüllt: die Kontinuität der Kultur zu wahren und ihren inneren Sinnzusammenhang zu gewährleisten. Kann unsere westjüdische Jugend diese Aufgabe erfüllen? sie, die ebenso unjüdisch ist wie die deutsche Jugend deutsch, die nur den Willen zum Judentum hat und noch nichts vom Judentum selbst, und vergißt, daß Kultur ein Werdendes ist, kein Gemachtes, wo also nicht das Wollen, sondern nur das Können entscheidet, nicht die Absicht, sondern nur die Fähigkeit? Schon, daß unsere Jugendbewegung mit den Ansprüchen und Forderungen der deutschen auftritt, ist eine illegitime Prätention; erliegt sie gar noch den Gefahren, die aller Jugendbewegung drohen, übernimmt sie von ihr den fordernden Ton, die rücksichtslose Gebärde, die große Geste der vorwärtsstürmenden Kühnheit, so wirkt all dies doppelt unangenehm und lächerlich dazu. Die Kühnheit wird Anmaßung, die Rücksichtslosigkeit unschöpferischer Nihilismus, die stolze Selbstbejahung Unbescheidenheit und die großen Worte von dem Aufbau einer neuen Zukunft und Kultur Don-Quixoterie. Unsere Jugend muß wissen, daß sie noch gar kein Recht hat, Jugendbewegung im Stile der anderen Völker zu sein; daß sie erst jüdisch werden muß, ehe sie wahrhaft Bewegung wird sein können, und daß ihr von allen Tugenden einer guten Jugend keine mehr not tut, als die der Bescheidenheit und des Wartenkönnens. Das Wartenkönnen — damit glaube ich, das Wichtigste und Entscheidendste zu sagen, das unserer Jugend not tut. All ihre Mängel und Irrtümer haben ihre Wurzel in ihrem Nichtwartenkönnen und Nichtwartenwollen. (Das eine bedingt das andere.) All die Scheinwerte, all die Surrogatideale, all die trügerischen Illusionen von einem wahren Judentum und einem wahren jüdischen Leben, all die vorschnelle, unechte Übernahme großer Worte und Gedanken, all die Atmosphäre von Unwahrem und Künstlichem, in der wir in so vielen Hinsichten leben, worin anders hat all dies seine Wurzel als in unserem Nichtwartenkönnen? Eine Generation des Übergangs sind wir. Ein Geschlecht der Wüste, stehend zwischen einer zerbrochenen jüdischen Vergangenheit und einer ncjch nicht vorhandenen jüdischen Zukunft; leidend an allen Dissonanzen und Konflikten eines Übergangsgeschlechtes. Ein Weg nur führt zur Erlösung aus dieser Lage: der Weg der Wahrheit. Wir müssen unsere Situation erkennen, unsere Dissonanzen durchleben, unsere Konflikte auskämpfen; erst hinter ihnen dürfen wir hoffen, Einheit und Ganzheit und Unmittelbarkeit zu finden. Wir aber wollen den Weg uns kürzen, oder ihn uns gar ersparen; und glauben, die Erlösung vor der Tragik, die Einheit vor den Konflikten uns herbeizwingen oder

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