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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 7 · p. 300

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 7
Article
Selbstbesinnung
Date
1918-01-01
Page
300 (sequence 3)
Language
German
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300 Nachum Goldmann: Erkenntnis. Und erliegt allen Irrungen, Fehlern und Untugenden, die eine solche Lage bedingt. Denn ein glühender Wille, dem die feste Leitung des sicheren Instinktes, der klaren Erkenntnis fehlt, wozu könnte er nicht verführen? Welche Illusion wäre so unwahr, die er nicht zur Wahrheit deuten, welche Pose so unecht, die er nicht zur natürlichen Haltung umgestalten, welcher Scheinwert so hohl, den er nicht als wahren Wert vortäuschen könnte? Sieht man die innere Situation unserer Jugendbewegung, so erschrickt man ob der Fülle der Gefahren und Irrungen, die ihr drohen. Und nur einen Trost gibt es: nicht positiv und autonom sind diese Gefahren, sondern Folgen eines Mangels und Bedingtheiten einer Tugend, der die letzte Ergänzung fehlt. Es sind die Laster ihrer Tugenden, die den Jugendtag zu einer Enttäuschung haben werden lassen. Die Konsequenz? Nur ein Weg führt zur Besserung, der Weg der Erkenntnis. Klare, nüchterne, aufrichtige Erkenntnis, nur sie wird den Ausweg aus dem Chaos und der Verworrenheit zeigen, in der die nationaljüdische Jugendbewegung sich befindet; die klare Erkenntnis all ihrer Fehler, das entschiedene Bewußtsein ihrer Verirrungen, das sichere Wissen um ihre Mängel. Ein heißes Herz und ein kühler Kopf — von diesen beiden Tugenden, deren Synthese das Kriterium jedes schöpferischen und fruchtbaren Zustandes darstellt, hat unsere Jugend nur die eine: das heiße Herz; sich die andere zu erwerben, wird die zentrale Aufgabe der nächsten Entwicklungsphase der nationaljüdischen Jugendbewegung sein. Es sei versucht, auf die gefährlichsten Fehler, an denen unsere Jugendbewegung heute krankt, und wie sie der Jugendtag so stark und kraß manifestiert hat, hinzuweisen. Allen voran der Grundfehler, das Laster aller Laster: das Nichtwissen um ihre Fehler, das Nichtwissen um ihre Situation, die Unwissenheit ihrer Unwissenheit; und — einen Schritt weiter in dieser Richtung — gar das Bejahen dieser Situation oder — der extremste Fall — das Sichdamitbrüsten. Gerade der jüngste Teil der Jugendbewegung leidet am stärksten an diesem Fehler. Nichts war peinlicher, als jene Äußerungen der Siebzehn- und Achtzehnjährigen: Wir brauchen keine Ratschläge; wir sind nicht krank; wir brauchen nicht die Ermahnungen der Alten; wir wissen selbst, was uns not tut; oder gar die Mahnungen der Wortführer dieser Jugend, auf Kritik und Belehrung nichts zu geben, und sich so zu bejahen, wie sie sei. Schuld an dieser Geistesart, die Jugendlichkeit mit Anmaßung, die starke Selbstbejahung der Erkenntnis mit dem kritiklosen Jasagen der Unwissenheit, die revolutionäre Kühnheit des wahrhaft Schöpferischen mit der zerstörerischen Respektlosigkeit des ahnungslos Unwissenden verwechselt, Schuld daran trägt neben der gekennzeichneten Grundsituation vor allem eins, und es ist Zeit, dies laut und offen zu sagen: der Einfluß der deutschen Jugendbewegung. Unsere Jugendbewegung ist unter der Einwirkung der deutschen überhaupt entstanden und steht bis heute — bewußt oder unbewußt — unter deren Einfluß. Vieles vom Ton, von der Haltung, von den Gesten der deutschen Jugendbewegung hat sie übernommen. Nun glaube ich, daß die gesamte Erscheinung der modernen Jugendbewegung und Jugendkultur — ein spezifisches Produkt der modernen Zeit — sehr bedenklich und zweideutig ist. Jugendkultur ist eine Anmaßung und Jugendbewegung zumindest eine Gefahr. Sie gibt der Jugend zu leicht das Gefühl des Fertigseins; sie verführt sie zu Ansprüchen, zu denen sie keinesfalls legitimiert ist (wie dem Anspruch, eine wirkliche Jugend„kultur" schaffen zu

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